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MAI 2023

Krankheit - mehr als ein lästiges Übel

In den vergangenen Wochen war ich krank. Erst eine Woche „so richtig“ krank mit Fieber, ein Zustand, den ich für mich innerlich „krank-krank“ nenne, dann eine weitere schlapp und geschwächt, und schließlich, als ich meine Arbeit schon wieder aufgenommen hatte, noch einige Zeit eher „halb-gesund“. Und das bedeutet: nicht mehr „richtig krank“, aber auch noch nicht „richtig gesund“, sondern irgendwo dazwischen, arbeitsfähig, aber mit weiterhin – zumindest für mich – spürbar reduzierten Kräften und angeschlagener Stimme.

Die längere Mattigkeit führte dazu, dass ich insgesamt weniger motiviert, dabei etwas lustlos und vor allem unentschlossen war, worüber ich Ihnen in diesem Monat schreiben sollte, weil bei keinem Thema der Funke so richtig überspringen wollte. Und da kam mir auf einmal die Idee, doch einfach über meinen „krank-krank“- und auch den „In-between“-Zustand zu schreiben.

Darüber, was es nämlich mit dem Kranksein auch auf sich hat. Darüber, was „krank-krank“ oder „halb-gesund“ oder „richtig gesund“ überhaupt genau sein soll? Und ob das jetzt für mich eine verlorene oder nicht viel eher sogar eine gewonnene Zeit war ...

 

Wenn wir nicht funktionieren

Mit dem Kranksein tun sich die meisten von uns schwer. Funktionieren wir dann doch einfach nicht so wie sonst. Ich denke dabei an vorübergehende Krankheiten, wie eben den grippalen Infekt, der mich jetzt heimgesucht hatte. Für eine im Prinzip überschaubare Zeit von einigen Wochen setzt uns so etwas außer Gefecht und verhindert damit eben alles, was wir uns eigentlich an Aktivitäten vorgenommen hatten, oder bringt es zumindest kräftig durcheinander. Für viele von uns gleicht das im Hinblick auf den Job und die Familienorganisation einer organisatorischen Katastrophe.

Als ich in diesen ersten Frühlingswochen seit Ostern krank war, merkte ich, dass ich wegen meines Zustandes eine Tendenz hatte, mich aufgrund meiner eingeschränkten Leistungsfähigkeit mit kritischeren Augen als sonst zu betrachten, und dass ich fand, diese Krankheit müsse so schnell wie möglich wieder weggehen.

Ich glaube, dass ich mit dieser Sichtweise auf das Kranksein nicht allein bin, sondern dass viele Menschen so denken, und das entspricht ja auch unserem westlichen Umgang mit Krankheit: Alle unsere Aufmerksamkeit geht dahin, dass die Symptome rasch wieder verschwinden müssen und unsere Leistungsfähigkeit wiederhergestellt werden muss, um dann wieder „normal“ leben zu können – und das bedeutet: wieder zu arbeiten, wieder in den gewohnten Bezügen zu funktionieren.

Mir wurde in meinen Krankheitstagen plötzlich bewusst, dass das eine entwertende Grundhaltung zum Kranksein ist: Wenn wir mal nicht funktionieren, dann gilt das als ein unter allen Umständen schnellstens wieder zu beseitigender Zustand, der einfach nur lästig, überflüssig und nutzlos ist. Und dementsprechend ungeduldig und missgelaunt gehen wir mit einer solchen Grundhaltung auch durch diese Zeit, den Blick nur auf die baldige Genesung gerichtet und all das, was wir dann an Aktivitäten nach- und aufholen müssen.

Dass das nicht unbedingt so sein muss, fällt uns auf, wenn wir an unsere eigene Kindheit denken oder auch daran, wie in vielen Familien auch heute noch mit kranken Kindern umgegangen wird: voller Fürsorge, Zuwendung und Geduld, mit dem Lieblingsessen, dem Vorlesen von Geschichten, Wärmflaschen und dem Leitspruch: „Bleib im Bett und werde nur erst mal wieder richtig gesund ...“ – Eine völlig andere Sichtweise!

Irgendwann im Übergang zum Erwachsenenleben ist vielen von uns dieser Umgang mit dem Kranksein abhandengekommen. Natürlich sagen wir uns oder anderen jetzt auch noch so Sätze wie „sei mal gut zu dir“, „verwöhn dich ein bisschen“ oder „kurier dich aus“, aber im Hintergrund lauert nun ständig dieser Anspruch, die Kranken sollten schnell wieder zum Arbeiten fit sein.

Und manchmal gilt das mittlerweile sogar schon für den Umgang mit den Kindern – auch sie sollen so schnell wie möglich wieder in den Kindergarten oder in die Schule – schon allein, weil ihre Krankheit die durchgetaktete Tagesplanung völlig auf den Kopf stellt.

 

Krank oder gesund oder ...

Diese Fixierung beim Umgang mit Krankheit auf Arbeiten bzw. Nicht-Arbeiten, auf Funktionieren oder Nicht-Funktionieren ist nicht so verwunderlich, wenn wir überlegen, wo überhaupt die Grenze zwischen Krankheit und Gesundheit verläuft. Beides ist nämlich gar nicht so klar voneinander trennbar, sondern vielmehr ein Kontinuum.

Die meisten von uns sind nie hundertprozentig gesund, wir haben mal ein Zipperlein und einen Schnupfen, aber deswegen würden wir uns noch nicht als krank und schon gar nicht mit meinem Begriff als „krank-krank“ bezeichnen. Das Kranksein ist in unserer Gesellschaft dadurch definiert, dass wir dann unserer normalen Erwerbstätigkeit nicht mehr nachgehen können und vom Arzt eine Bescheinigung dazu bekommen. Weil wir nicht mehr so funktionieren, wie wir es normalerweise tun.

Die Funktionalität ist – neben den eigentlichen Symptomen und einer von uns ausgehenden möglichen Ansteckungsgefahr – bei uns also ein wichtiger Teil der Definition von Krankheit oder Gesundheit. Wenn wir in diesem Sinne krank sind, ziehen wir uns raus, nehmen Medikamente und warten, bis die Symptome wieder weg sind und wir uns wieder für funktionsfähig halten. Und dann geht es weiter wie immer.

Die Feststellung, ob wir nach dieser Definition krank sind, trifft der Arzt, der uns „krankschreibt“ und irgendwann dann wieder für arbeitsfähig erklärt. Da ich selbstständig bin, liegt die Beurteilung meiner Krankheit oder Gesundheit komplett in meiner eigenen Verantwortung – was es nicht unbedingt einfacher macht.  

Wenn ich meinen Zustand nämlich selbst beurteile, definiere ich mich dann als „angeschlagen“, wenn ich mich geschwächt fühle, aber noch arbeiten kann. Wenn ich das nicht mehr kann, zum Beispiel weil ich, wie vor einigen Wochen, Fieber habe, sage ich, dass ich „krank-krank“ bin, und wenn es mir besser, aber immer noch nicht so richtig gut geht, wenn ich wieder arbeiten kann, aber mich dabei noch mehr quäle, als dass ich vor Energie sprühe, dann bin ich eben „halb-gesund“.  

In diesem Zustand arbeite ich voll, habe auch nicht weniger Patienten, sondern ein ganz normales Arbeitsprogramm. Aber ich merke zugleich, dass ich nicht gesund bin.

 

Regelwidriger Zustand

Die Ausrichtung unseres Verständnisses von Krankheit ist nicht selbstverständlich, sie hat sich erst nach und nach so entwickelt. Beim Lesen unter dem Stichwort „Krankheit“ auf der Webseite der Bundeszentrale für gesellschaftliche Aufklärung BZGA lernen wir, dass „Krankheit“ „ein praktisch-normativer Begriff“ ist,  „soziokulturell bedingt“ und „in verschiedenen historischen Phasen unterschiedlich definiert“ wurde.

Das betrifft sogar das Wort „krank“ selbst : Es geht auf mittelhochdeutsch „kranc“ zurück, was zunächst „schwach, kraftlos, klein, schmal, gering, schlecht“ bezeichnete und erst später die Bedeutung „leidend, nicht gesund“ annahm und damit den späteren Begriff „siech“ verdrängte. Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert nicht den Begriff Krankheit, sondern beschreibt Gesundheit als einen „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens“.

Die BZGA-Webseite beschreibt Krankheit als „ein dynamisches Stadium des Ungleichgewichtes von Risiko- und Schutzfaktoren, das eintritt, wenn einem Menschen eine Bewältigung von inneren (körperlichen und psychischen) und äußeren (sozialen und materiellen) Anforderungen nicht gelingt. Krankheit vermittelt einem Menschen eine (akute oder dauerhafte) Beeinträchtigung seines Wohlbefindens und seiner Lebensfreude.“

In der hier angesprochenen „Bewältigung von Anforderungen“ klingt das Motiv des Funktionierens schon an. Entscheidend für unseren alltäglichen Umgang mit Krankheit ist aber die Rolle von Krankheit im Sozialsystem. Denn Krankheit ist die Voraussetzung für eine Zuweisung von Leistungen der Kranken- und Sozialversicherung, und in der gesetzlichen Rentenversicherung ist Krankheit lt. BZGA „jeder regelwidrige körperliche, geistige oder seelische Zustand, der eine teilweise oder volle, zeitlich begrenzte oder auf nicht absehbare Zeit anzunehmende Erwerbsminderung zur Folge hat“.

„Regelwidrig“ – dieses Wort birgt den Blick auf Krankheit als eine Art von „Spielverderber“ schon in sich. Unser von solchen Regeln geprägter Blick auf unser Leben ist funktional und ergebnisorientiert, und alles, was unsere darauf ausgerichteten und gewohnten Muster mal durcheinanderbringt, wie eben eine Krankheit, stellt für uns zunächst ein Problem dar, ist ein Hindernis, das wir wieder beseitigen wollen.

 

 

Eine tiefere Ebene des Seins

Doch wenn wir diese Musterunterbrechung zulassen, kann darin mit einem bewussteren Blick auch etwas auftauchen, was für uns in irgendeiner Weise interessant und bereichernd sein kann. Warum, habe ich mich während meiner Auszeit gefragt, betrachten wir Krankheit nicht als eine Qualitätszeit, in der es möglich ist, für Körper, Geist und Seele einen Raum zu kreieren, in dem Verarbeitung möglich ist? In der wir unseren Fokus nicht nur darauf richten, dass wir  jetzt ausgeknockt sind und nichts machen können und deshalb zusehen müssen, dass wir nur ja bald wieder gesund werden.

Wenn wir uns diese Zeit der Krankheit bewusst anschauen, können wir sie mit uns selbst füllen und vielleicht Schätze finden, die wir längst vergessen hatten. Natürlich will ich Krankheit in keiner Weise verherrlichen, schon gar nicht lebensbedrohende Krankheiten, aber ich bin trotzdem davon überzeugt, dass für uns alle in einer Krankheit immer etwas stecken kann, was uns auf irgendeine Weise bereichert.  

Mich erwischte das Fieber zum Beispiel auf einem Campingplatz in Italien. Ich lag in unserem Campingbus, dämmerte stundenlang vor mich hin und hatte viele interessante Träume von Inhalten meines Lebens, während denen ich eine ozeanische Erfahrung von Getragensein hatte, die für mich sehr kostbar war. Solche Träume kann ich im gesunden Zustand nicht mal so einfach aufsuchen.

Was uns eine Krankheit anbietet, ist das, was wir als Kinder konnten, aber als Erwachsene meist verlernt haben: die Gelegenheit zu nutzen, in den Tag hinein zu träumen und aus dem Fenster zu starren. Luftschlösser zu bauen, einfach mal eine Offenheit für das Nichtstun zu haben und so scheinbar sinnlose, aber in Wahrheit unendlich kluge Fragen zuzulassen wie in dem schönen Lied „Schmelzen Butterblumen?“, das Hildegard Knef vor vielen Jahren mal für ihre Tochter geschrieben hat, die ihr derartige Fragen gestellt hatte.

Dann sind wir in Verbindung zu unseren inneren Quellen, gelangen zu einer tieferen Ebene unseres Seins. Das ist heilsam und schön, und es geht dann um etwas ganz anderes als nur darum, dass die Symptome weg müssen.

Krankheit kann so viel mehr sein als nur ein lästiges Übel. Sie bietet Gelegenheit für neue kostbare Erfahrungen mit uns selbst, für verlorene Schätze aus unserer Kindheit, dafür, etwas ganz anderes zu erleben als sonst.

Und sie ist nicht zuletzt auch eine Möglichkeit zu spüren, dass wir unser Leben viel weniger unter Kontrolle haben, als wir uns immer vormachen, dass es viel mehr Dinge gibt, die wir eben nicht so kontrollieren können, sondern die einfach kommen oder einfach da sind, die uns umgeben. Und die uns beeinflussen.

Wenn wir krank sind, können wir etwas gewinnen, was wir sonst nicht haben. Für mich, das habe ich in den letzten Wochen wieder erfahren, ist eine Krankheit ein Fenster in eine entfunktionalisierte Welt, in der es vielleicht auch möglich ist, einen Teil unseres guten und schönen Kindseins in unser Erwachsenenleben mitzunehmen. Und ich wünsche Ihnen, dass Sie sich, wenn Sie das nächste Mal krank sind, auch für solche Erfahrungen öffnen können.