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August 2026

Elf Menschen, elf Vorstellungen - und eine Aufführung

Wir alle legen heute großen Wert darauf, uns mit unseren eigenen Ideen, Bedürfnissen und Fähigkeiten in eine Gemeinschaft einzubringen. Dabei möchten wir uns nicht einfach unterordnen, sondern gehört und gesehen werden und möglichst das tun, was zu uns passst. Und wenn ich ehrlich bin: Ich möchte das auch.

Doch nicht nur das, ich finde diesen Anspruch auch grundsätzlich richtig und wichtig. Aber in letzter Zeit ist mir eine Frage durch den Kopf gegangen: Wie viel Individualität verträgt ein gemeinsames Ziel? Kann wirklich jeder jederzeit seinen eigenen Vorstellungen folgen, wenn mehrere Menschen zusammen etwas erreichen wollen? Oder braucht es irgendwann den Punkt, an dem das gemeinsame Ziel wichtiger wird als die Wünsche des Einzelnen?

Und wenn ja: Gebe ich dann tatsächlich etwas von meiner Individualität auf? Oder kann es nicht genauso erfüllend sein, mich mit dem, was ich kann und was mich ausmacht, in etwas Gemeinsames einzubringen?

Lebendige Selbsterfahrung

Den konkreten Anlass dafür, dass ich über diese Frage nachgedacht habe, lieferte ein einwöchiger Workshop am Starnberger See: eine Woche Kabarett, wie schon einige Male zuvor (vor drei Jahren hatte ich hier im Blog schon einmal davon erzählt). Wir waren elf Leute, und das Ziel war wie immer, dass wir am Samstag zum Ende der Woche eine Aufführung realisieren wollten.

Diese Wochen stehen immer unter einem Thema (diesmal lautete es übrigens "Friseursalon"), und die Gruppe ist immer damit beschäftigt, Monologe, Dialoge und Ensemblenummern zu schreiben und zusätzlich Lieder mit hineinzubringen oder auch umzudichten. Und wenn das gemacht ist, geht es darum, die Rollen zu verteilen, zu proben und dann ein Programm daraus zusammenzustellen.

Was dabei entstehen kann, war auch diesmal wieder herrlich bunt. Ich hatte zum Beispiel eine Sprechkantate geschrieben: " Es klappert die Schere im blauen Salon. Was soll's heute sein? Wie immer, wie immer. Schnipp, schnapp, schnipp, schnapp, alle Haare ab." Fünf Gruppen sprachen ihre Texte wie in einem Chor übereinander - das war richtig cool.

Für uns alle gab es sehr viel Freiraum, das Eigene zu entwickeln: Die eigenen Nummern, die eigene Kreativiät, die eigene Meinung. Das ging bis in kleine Regiesituationen hinein. Wenn unser Leiter etwas vorgeschlagen hat, wurde das nicht einfach umgesetzt, sondern jemand sagte: "Ich sehe das aber so und so." Dann wurde diskutiert, und dann konnte man etwas ausprobieren.

An sich hat diese Selbsterfahrung natürlich etwas ganz Lebendiges. Man spürt sich mehr in der Resonanz mit dem, was man macht und guckt nicht nur auf die Funktion. Genau das möchte ich überhaupt nicht verlieren.

Aber wenn elf Menschen in einer Woche eine Aufführung vorbereiten möchten und den Anspruch haben, dass die gut wird, kann es relativ ermüdend werden, alles individuell mit der ganzen Gruppe zu diskutieren. Dann hat jeder noch eine Idee, und irgendwann macht jeder doch wieder das Eigene, obwohl der Regisseur eigentlich einen guten Verbesserungsvorschlag gemacht hat.

Das ist eine Gratwanderung, weil wir eben nicht allein, sondern miteinander verwoben sind. Geht das überhaupt, dass wir in einem Team der Individualität und den Launen und Stimmungen eines jeden und jeder gerecht werden und dabei auch noch ein angestrebtes Ziel erreichen?

Ich glaube: Nein, das geht nicht. Das eine geht immer ein bisschen auf Kosten des anderen. Je nach Ziel und Aufgabe manchmal etwas mehr und manchmal etwas weniger.

Wollen wir wirklich eine Aufführung?

Bei uns wurde diese Frage irgendwann sehr konkret. Denn nach einer dieser etwas ausufernden Diskussionen stellte uns der Seminarleiter am nächsten Tag die Frage, ob wir eigentlich eine Aufführung machen wollten. Denn natürlich, so sagte er zu uns, könne man ohne Show am Samstag auch einfach dies und das probieren und dann habe man Zeit für ganz Vieles. Aber mit der Aufführung als Ziel sollte am Ende auch wirklich etwas Schönes da sein, das man aufführen könne. Man müsse Dinge entwickeln, besser machen und dann eben auch fixieren.

Unsere Reaktion der Gruppe war klar: Wir wollten die Aufführung. Und damit hatten wir ein Commitment für unser gemeinsames Ziel.

Das bedeutete nun allerdings nicht, dass danach plötzlich alles anders war. Manche von uns haben dieses Ziel mehr verfolgt, andere haben sich zwischendurch erst wieder daran erinnern lassen, was wir vereinbart hatten. Manche haben sich weiterhin mehr ausgelebt, andere haben sich stärker zurückgehalten. Aber die Frage, vor der wir standen, war nun eine andere. Sie lautete: Was braucht es eigentlich für unser gemeinsames Ziel, wenn es nicht ausschließlich die Autorität durch den Regisseur geben soll? Welche Alternativen gibt es?

Ich glaube, dass dafür die Identifikation mit dem gemeinsamen Ziel wichtig ist, aber eben auch die Bereitschaft jedes Gruppenmitglieds, Verantwortung zu übernehmen. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Zielerreichung, wenn man das Ziel - in unserem Fall die Samstagsshow - wirklich in der Gruppe erreichen will.

Bei unserer Friseursalon-Show hatten wir zum Beispiel eine etwas musicalartige Nummer. Zwei Männer sollten dabei mit großen Handtüchern gleichzeitig nach vorne kommen und sich vor zwei Frauen stellen, die in einer etwas längeren Szene eine Salsa tanzende Friseuse und ihre etwas geheimnisvolle Kundin spielten. Bei einem bestimmten Wort mussten die Handtücher wie ein Vorhang hochgehalten werden.

Das war keine große schauspielerische Herausforderung, und vermutlich hätte keiner der beiden gesagt: Genau dafür bin ich zum Kabarett gegangen, das ist jetzt meine ganz persönliche Selbstverwirklichung. Aber dennoch ist auch solch eine Szene nicht zu unterschätzen. Wenn einer beim Stichwort nicht kommt oder das Handtuch falsch hält, wird es nichts, dann funktioniert die ganze Nummer nicht.

Alle geben alles für alle

Für mich war diese kleine Szene im Nachhinein fast exemplarisch. Die zwei Frauen hatten gerade einen vergleichsweise großen Auftritt, die beiden Männer hielten für ein paar Sekunden ein Handtuch. Aber für das, was wir gemeinsam auf die Bühne bringen wollten, war beides in diesem Moment wichtig. Es war eine Frage des gemeinsamen Timings und Zusammenspiels.

Und nachdem nicht mehr hauptsächlich unsere eigene Selbserfahrung im Vordergrund stand, sondern stärker unser gemeinsames Ziel, machte es tatsächlich allen mehr Spaß. Das habe ich übrigens bei diesen Kabarettwochen schon öfter erlebt. Irgendwann am Donnerstagabend, manchmal erst Freitag, fängt es an zu fluppen. Die Aufführung rückt näher, das Ziel wird greifbarer. Dann kommen die Durchläufe, die technischen Proben, die Generalprobe. Auf einmal springt jemand für jemand anderen ein, erinnert an etwas, hilft schnell beim Umziehen oder steht eben im richtigen Moment mit seinem gehobenen Handtuch an der richtigen Stelle. Bei der Aufführung geben alle alles für alle.

Ich finde es äußerst spannend, dass genau das total erfüllend sein kann und nicht nur die Fixierung auf das Individuelle. Und das ist es auch, was ich mit diesem Text säen möchte: Wir denken bei der Selbstverwirklichung sehr schnell an Individualität. An das Eigene, das Besondere, das, was uns unverwechselbar macht. Wir sprechen sogar vom Alleinstellungsmerkmal des Eigenen und sind womöglich stolz darauf, dass wir anders sind als die anderen und eben "besonders". Aber der Preis ist, dass wir uns dann eben auch unterscheiden und abheben müssen. Der Teamgeist, der gemeinsame Nenner geht verloren.

Es gibt für mich noch eine andere Art der Selbstverwirklichung: In einer Rolle aufzugehen, die einem größeren gemeinsamen Ziel dient. Das eine ist nicht besser oder schlechter als das andere. Wenn ich mich mit Selbsterfahrung und Selbstexperimenten erprobe, führt das zunächst einmal zu einem individuellen Ziel. Wenn ich gemeinsam mit anderen etwas erreichen möchte, brauche ich dagegen einen gemeinsamen Nenner - und dieser gemeinsame Nenner ist das Ziel.

Am besten ist es, wenn man diesen gemeinsamen Nenner als Erstes definiert und dann schaut: Wie können die Einzelnen darin vorkommen? Das Optimum liegt für mich dort, wo die Individualität zur Rolle passt.

Verbindlichkeit schafft Verbindung

In unserer Abschlussrunde erzählte einer der Teilnehmer von einer Erfahrung, die auf den ersten Blick mit unserer Kabarettwoche überhaupt nichts zu tun zu haben schien. Er ist Unternehmensberater und war einmal mit einer Gruppe von Tuaregs auf einer alten Handelsroute durch die Wüste unterwegs. Ich weiß nicht mehr genau, ob es 100 oder 200 Kilometer waren, auf jeden Fall eine sehr lange Wanderung.

Dort gab es sehr klare Rollen. Es gab zum Beispiel einen Teekocher und einen Brotbäcker, jeder hatte seine Aufgabe. Die Gruppe musste gemeinsam das nächste Wasserloch erreichen, Holz sammeln, Wasser erhitzen und dafür sorgen, dass alle versorgt waren. Wenn einer sagte: "Ich kann nicht mehr", dann kam er "zum Ausruhen" aufs Kamel, während die Gruppe weiterging. Denn das Ziel, die nächste Etappe, stand nicht infrage.

Natürlich hinkt ein Vergleich mit unserer Kabarettaufführung etwas. In der Wüste geht es im Zweifelsfall ums Überleben, bei uns ging es lediglich darum, am Samstagabend gemeinsam etwas auf die Bühne zu bringen. Und ich möchte ganz sicher nicht in einer Welt leben, in der Menschen Rollen zugewiesen bekommen und sie die gefälligst zu erfüllen haben.

Aber Rolfs Geschichte hat bei mir die Frage ausgelöst, ob es nicht auch andere Wege dafür gibt, in einer Gemeinschaft ein Ziel zu erreichen, als dass über alles stundenlang bis ins letzte Detail diskutiert wird oder eine Person bestimmt? Was braucht es, wenn es nicht die Autorität des Regisseurs oder der Regisseurin sein soll? Wie könnte eine Struktur aussehen, in der das Ziel und die Rollen klar sind, ohne das die Individualität verloren geht?

Dabei kam mir wieder der gemeinsame Nenner in den Sinn. Wenn ich mich mit dem Ziel identifizieren kann, kann ich auch schauen, welche Rolle zu mir passt. Es sollte wahrscheinlich keiner bei den Tuareg Brotbäcker sein, der vom Mehlstaub niesen muss. Und durch die Wüste laufen, wenn man Sand hasst, ist möglicherweise auch keine besonders gute Idee.

Rolf benutzte für seine Arbeit das Bild von Zahnrädern in einer Standuhr: Unterschiedlich große Zahnräder, die ineinandergreifen und gemeinsam etwas in Bewegung setzen. Menschen sind natürlich keine Zahnräder, sie haben Bedürfnisse, Ideen, Stimmungen, Fähigkeiten und Grenzen. Aber das Bild hat für mich an einer Stelle trotzdem etwas: Die Zahnräder müssen nicht gleich groß sein oder einander ähneln. Sie müssen nur so zueinander passen, dass sie ineinander greifen und dadurch gemeinsam die Mechanik der Uhr bewegen können.

Und da während der Seminarwoche gerade die Fußballweltmeisterschaft stattfand, kam abends in gemütlicher Runde das Gespräch darauf, dass das in einer Fußballmannschaft gar nicht so viel anders ist. Da können hochbegabte Einzelspieler mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten auf dem Platz stehen, aber die Summe der Einzelspieler ergibt noch lange nicht automatisch die beste Mannschaft. Jeder muss auch wissen, welche Rolle er im gemeinsamen Spiel hat (was die spanische Mannschaft, die dann auch Weltmeister wurde, besonders eindrucksvoll bewies).

Und es tut Teams generell gut, wenn es hin und wieder solche temporären Ziele gibt, die alle gemeinsam anstreben und bei denen man das Team mit seinem kollektiven Teamgeist auch als Beobachtender wieder mehr spürt - und zwar nicht nur in irgendwelchen  Teambuilding-Fortbildungen, sondern ganz real.

Vor allem für Teams in Unternehmen finde ich diese Frage hochinteressant. Denn natürlich geht es auch dort darum, wie viel strukturelle Vorgaben es braucht, damit Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Aufgaben gemeinsam etwas erreichen können.

Und da bekommt Struktur für mich noch einmal eine andere Bedeutung: Sie steht ja auch für Verbindlichkeit, und Verbindlichkeit schaftt Verbindung. Denn nur, wenn wir uns aufeinander verlassen können, wächst Vertrauen. Und Vertrauen brauchen wir, wenn wir gemeinsam etwas Größeres aufbauen wollen.

Eine neue Form von Selbstverwirklichung

Für mich geht es deshalb nicht darum, Individualität und Gemeinschaft gegeneinander auszuspielen. Wir wollen heute nicht mehr nur einfach nur folgen und funktionieren, und das finde ich richtig. Gleichzeitig kann ein gemeinsames Ziel nicht funktionieren, wenn jeder ausschließlich auf sich selbst und die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Vorstellungen schaut.

Entscheidend ist für mich deshalb zunächst der gemeinsame Nenner. Was wollen wir eigentlich miteinander erreichen? Und wenn das klar ist, kommt die nächste Frage: Wie können die Einzelnen darin vorkommen? Für mich geht es hierbei um eine Rolle, in der ich nicht einfach eine Funktion erfülle, sondern mit dem, was ich kann und was mich ausmacht, meinen Platz in etwas Gemeinsamem finde.

Genau darin sehe ich inzwischen noch eine andere Form von Selbstverwirklichung: In einer Rolle aufzugehen, die einem größeren Ziel dient. Oder, wenn man so will, eine Form von Selbst- und Teamverwirklichung, die zusammenwächst.

Das habe ich an diesem Samstagabend bei unserer Show im Friseursalon sehr stark gespürt. Es war eben nicht nur meine Sprechkantate oder die vorhin beschriebene Musicalszene und auch nicht die Nummer von diesem und jenem. Es war UNSERE Aufführung.

Am Anfang der Woche hatten wir sehr viel darüber gesprochen, was jeder Einzelne machen wollte, welche Ideen jemand hatte und was sich richtig anfühlte. Am Samstag Abend standen dieselben Menschen auf und hinter der Bühne. Niemand hat seine Persönlichkeit abgegeben. Aber wenn jemand seinen Einsatz hatte, halfen die anderen, dass alles klappte. Wenn Unterstützung nötig war, sprang jemand ein. Und wenn eine Nummer lief, trugen diejenigen, die gerade nicht im Mittelpunkt standen, sie genauso mit.

Bei der Aufführung gaben tatsächlich alle alles für alle.

Mich hat das zu der Erkenntnis gebracht, dass wir Selbstverwirklichung manchmal etwas zu eng verstehen. Es kann total erfüllend sein, etwas Eigenes zu entdecken, sich auszuprobieren und herauszufinden, was in einem steckt. Aber es kann auch total erfüllend sein, mit dem, was man kann und was einen ausmacht, in einer Rolle aufzugehen, die einem größeren Ziel dient.

Das eine ist nicht besser oder schlechter als das andere. Selbstverwirklichung muss nicht dort aufhören, wo das Gemeinsame beginnt. Gerade dort kann sie einen neue Form finden.