Mai 2026

Können wir uns gegenseitig zumuten? Über Konfliktangst und inneren Rückzug
Vor einiger Zeit erzählte mir ein Klient von einer Situation in seiner Wohngemeinschaft, die ihn über Wochen hinweg beschäftigte. Als er nach Hause kam, hing in der Küche plötzlich eine andere Lampe. Die alte, die dort jahrelang gehangen hatte und die er selbst gebaut hatte, war verschwunden. Seine Mitbewohner hatten die Küche umgestaltet, ohne jede Ankündigung.
Ihm war durchaus bewusst, dass er sich hätte sagen können: „Na, es ist ja nur eine Lampe.“ Doch da war in ihm auch das Gefühl: „Ich komme hier nicht mehr vor.“ Als hätten die anderen ihn bei der Neugestaltung des gemeinsamen Raumes einfach nicht mehr mitgedacht.
Das Erstaunliche dabei war: Gegenüber seinen Mitbewohnern hatte er die Sache bisher nicht angesprochen.
Nachdem er mir das erzählt hatte, beschäftigte mich daran vor allem die Frage, warum Menschen sich oft innerlich zurückziehen, bevor offen etwas für sie Belastendes ausgesprochen wird. Je länger ich mit Menschen arbeite, desto mehr fällt mir auf, dass Konflikte häufig schon genau dort beginnen, wo Menschen anfangen, sich innerlich zurückzuziehen. Nicht erst dort, wo gestritten wird, wo Stimmen laut werden oder Türen knallen. Sondern oft schon sehr viel früher: in kleinen inneren Bewegungen, Kränkungen oder in Bedeutungen, die sich verschieben.
Konflikte beginnen im Inneren
Als mir der Klient die Sache mit der Lampe erzählte, wirkte es beinahe so, als sei es ihm unangenehm, dass ihn das Ganze überhaupt so mitnahm. Denn wenn man diese Geschichte auf ein paar nüchterne Fakten reduziert, klingt sie tatsächlich nicht besonders dramatisch.
Er wohnte mit zwei anderen Männern zusammen in einer WG, und eines Tages bemerkte er, dass die Lampe aus der Küche verschwunden war. Nicht irgendeine Lampe, sondern eine, die er wie gesagt selbst gebaut hatte, aus alten Metallteilen, etwas Holz und verschiedenen Fundstücken, die er über längere Zeit gesammelt hatte. Sie war schief gewesen, ein wenig improvisiert, definitiv kein Designobjekt. Eher etwas Eigenwilliges. Aber gerade das mochte er an ihr.
Irgendwann war sie mehr geworden als ein bloßer Gegenstand. Sie gehörte einfach zu dieser Küche dazu, zu dieser ganzen Atmosphäre von WG-Leben, die ja oft aus lauter kleinen, unspektakulären Dingen besteht, die irgendwann anfangen, sich wie Zuhause anzufühlen.
Und nun war diese Lampe weg, und statt ihrer hing dort eine neue Leuchte. Schlicht, modern, mit warmem, indirektem Licht. Offenbar hatten die beiden anderen beschlossen, die Küche etwas umzugestalten, ohne vorheriges Gespräch.
Als er mir davon erzählte, wurde deutlich, dass er sich nicht nur über eine verschwundene Lampe ärgerte, sondern über etwas, das sich viel schwerer greifen lässt. Darüber, dass sich in dieser Wohnung gerade etwas verändert hatte und dass er in dieser Veränderung plötzlich nicht mehr richtig vorkam. Er meinte, er habe das Gefühl, die zwei kochen jetzt ihr eigenes Süppchen und er spiele dabei keine Rolle mehr.
Als ich ihn fragte, warum er das Thema gegenüber den Mitbewohnern bisher nicht offen ausgesprochen habe, meinte er, dass er Angst hatte, sich lächerlich zu machen wegen etwas so Banalem wie einer Lampe.
Ich finde diese Geschichte deshalb so interessant, weil mein Klient zunächst selbst kaum greifen konnte, warum ihn diese Situation überhaupt so intensiv beschäftigte. Er sprach zunächst eher sachlich darüber, dass die Küche jetzt anders aussehe, dass dort plötzlich diese neue Leuchte hing. Und erst allmählich wurde spürbar, wie viel Kränkung eigentlich für ihn darin lag.
Deshalb war es bisher noch nicht zu einem offenen Streit gekommen. Der Konflikt entstand erst einmal im Inneren meines Klienten, der sich ausgegrenzt fühlte und gleichzeitig versuchte, die Situation zu normalisieren.
Natürlich hätte man die Geschichte auch vollkommen anders erzählen können. Die beiden Mitbewohner hatten womöglich überhaupt keine böse Absicht, sondern einfach spontan Lust, die Küche neu zu gestalten. Vielleicht fanden sie die alte Lampe unpraktisch, hässlich oder zu dunkel. Vielleicht hatten sie gar nicht darüber nachgedacht, dass daran für ihren Mitbewohner emotional etwas hängen könnte. Vielleicht waren sie sogar gerade über die Lampe hinaus in einem Überschwang dabei, alles ein bisschen schöner zu machen, auch noch Geschirrtücher und einen neuen Seifenspender zu kaufen, aufzuräumen, Dinge auszutauschen.
Doch gleichzeitig hatte es eben etwas Kränkendes für denjenigen, der schon lange dort lebte und dessen selbstgebautes Objekt einfach entfernt worden war, ohne dass man mit ihm darüber gesprochen hatte. Weil darin etwas Symbolisches lag. Etwas von: Das hier ist auch mein Raum, meine Art, hier zu sein – meine Spur.
Konflikte entstehen oft, weil unterschiedliche Wirklichkeiten gleichzeitig wahr sein können. Der eine gestaltet, der andere fühlt sich verdrängt. Der eine kauft eine neue Lampe, der andere erlebt Ausschluss. Der eine denkt an Einrichtung, der andere an Zugehörigkeit. All diese Bedeutungen entstehen ja zunächst einmal im Inneren. So entsteht ein Konflikt, noch bevor überhaupt irgendjemand etwas gesagt hat.
Wenn wir unter den Teppich kehren
Mich beschäftigt das deshalb so, weil viele Menschen bei ihren Konflikten vor allem an das sichtbare Offensichtliche denken. An Streit, laute Stimmen und Vorwürfe. Aber der eigentliche Konflikt beginnt oft viel früher und viel leiser.
Menschen ziehen sich zurück. Sie werden stiller, vermeiden bestimmte Situationen, halten sich kürzer in Gemeinschaft auf oder verbringen mehr Zeit außerhalb. Oft geschieht das gar nicht bewusst, sondern eher wie ein unbewusster innerer Selbstschutz.
So war es auch bei meinem Klienten. Er hielt sich plötzlich kaum noch in der Küche auf, fuhr häufiger zu seiner Freundin und blieb länger bei der Arbeit. Gleichzeitig schwelte aber in ihm etwas weiter.
Viele Menschen „kehren“ Dinge „unter den Teppich“, weil sie denken, es würde alles ganz schlimm, wenn sie es ansprächen. Doch unter dem Teppich verschwinden die Dinge nicht. Sie wirken unsichtbar weiter – und werden innerlich oft sogar größer.
Denn das Vermeidungsverhalten fühlt sich zunächst vernünftig und friedlich an. Aber der Rückzug führt selten zu mehr Frieden,. sondern dazu, dass die inneren Geschichten wachsen und immer größer werden. Weil nichts geklärt wird. Weil wir unbewusst anfangen, die emotional aufgeladenen Lücken mit eigenen Interpretationen zu füllen.
Das berührt einen wichtigen Aspekt: Konflikte spielen sich selten nur in der Gegenwart ab. Wenn jemand heute das Gefühl hat, ausgeschlossen zu werden, schwingen dort oft frühere Erfahrungen mit – aus Schulklassen, Freundeskreisen oder Familien. Alte Dynamiken von „nicht dazuzugehören“ oder „nicht wichtig zu sein“. Dadurch bekommt eine Situation plötzlich eine emotionale Wucht, die von außen möglicherweise übertrieben wirkt, sich innerlich aber real anfühlt.
Wir Menschen leiden nicht an der objektiven Größe eines Ereignisses, sondern an der Bedeutung, die dieses Ereignis in unserem Inneren bekommt. Und wir neigen einfach dazu, zu unterschätzen, wie sehr unsere inneren Bewertungen unser Erleben prägen.
Gleichzeitig möchten wir natürlich auch ernst genommen werden mit dem, was wir empfinden. Wenn jemand sagt, das habe ihn verletzt, dann ist das erst einmal real – auch wenn der andere keine verletzende Absicht hatte.
Das führt dazu, dass Konflikte häufig in einem Spannungsfeld stattfinden zwischen subjektiver Wahrheit und objektiver Uneindeutigkeit. Denn natürlich ist es möglich, dass die beiden Mitbewohner einfach nur dekorieren wollten. Und gleichzeitig ist es genauso möglich, dass sich die dritte Person real ausgeschlossen fühlt. Beides kann nebeneinander existieren.
Wir können uns gegenseitig zumuten
Viele Menschen haben in ihrem Leben irgendwann einmal gelernt, dass Konflikte gefährlich sind, dass durch sie alles ganz schlimm wird. Dass Beziehungen zerbrechen, wenn Unterschiedlichkeit sichtbar wird. Dass man lieber schweigt, lieber ausweicht, lieber innerlich verschwindet. Doch stimmt das wirklich?
Mich beschäftigt an Konflikten immer wieder diese seltsame Mischung aus Sehnsucht und Angst. Eigentlich wünschen sich die meisten Menschen Verbindung, Nähe und Gesehenwerden. Gleichzeitig haben viele von uns große Angst vor den Bewegungen, die echte Nähe mit sich bringt.
Denn Nähe bedeutet nicht nur Harmonie, sondern auch Reibung und Unterschiedlichkeit, Enttäuschung und Missverständnisse. Und die Erfahrung, dass andere Menschen anders fühlen, denken und handeln als man selbst.
Dort beginnt häufig die eigentliche Herausforderung: Können wir es aushalten, dass ein anderer Mensch anders ist als wir, ohne ihn sofort verändern oder verlassen zu müssen? Können wir Konflikte erleben, ohne sofort zu denken, dass jetzt alles kaputtgeht? Können wir uns gegenseitig zumuten?
Ich mag diesen Ausdruck sehr: sich gegenseitig etwas zumuten. Denn darin steckt etwas sehr Menschliches. Beziehungen bestehen nicht nur daraus, angenehm füreinander zu sein, sondern auch daraus, dass man dem anderen mit seiner Eigenart, seiner Geschichte, seinen Bedürfnissen und Verletzungen begegnet.
Können wir das schaffen, uns behutsam miteinander zu bewegen und uns trotzdem auch etwas zuzumuten? Dafür braucht es Vertrauen in uns selbst und das Gegenüber. Vertrauen in die Beziehung. Wie gut ist es, wenn wir Unterschiedlichkeit diskutieren können, ohne dass daraus sofort ein Bedrohungsszenario entsteht.
Natürlich gelingt das nicht immer gleich gut. Menschen werden manchmal laut, ziehen sich zurück, sagen Dinge, die sie hinterher bereuen. Sie reagieren aus alten Verletzungen heraus, greifen an oder verschwinden innerlich. All das gehört zum Menschsein dazu.
Problematisch wird es aus meiner Sicht vor allem dort, wo Verletzlichkeit gezielt gegen jemanden verwendet wird. Wo Schweigen zur Waffe wird und jemand absichtlich an den wundesten Stellen des anderen bohrt. Wo nicht mehr Begegnung stattfindet, sondern Macht ausgeübt wird, um sich durchzusetzen.
Nicht destruktiv zu agieren, weder für sich selbst noch für den anderen – das ist für mich ein ganz wesentlicher Punkt. Zwischen völliger Harmonie und Zerstörung liegt ein riesiges Feld menschlicher Möglichkeiten.
Ich glaube, dass viele Beziehungen nicht unbedingt an den Konflikten scheitern, sondern eher daran, dass Menschen sich innerlich immer weiter voneinander entfernen, während äußerlich alles einigermaßen friedlich aussieht. Dann gibt es keine offenen Kämpfe mehr, aber auch keine wirkliche Lebendigkeit. Dann wird es still, vorsichtig und kontrolliert – und manchmal auch einsam.
Eine andere Form von Wirklichkeit
Ich habe im Laufe meines Lebens zunehmend gelernt, dass sogar heftige Konflikte nicht automatisch eine Katastrophe sein müssen. Menschen können streiten, laut werden, sich gegenseitig Vorwürfe machen, Dinge sagen, die sie hinterher lieber anders formuliert hätten – und trotzdem muss danach nicht alles kaputt sein.
Es ist eher wie ein Gewitter, das irgendwann wieder vorbeizieht. Diese Erfahrung finde ich unglaublich wichtig: zu erleben, dass man sich reiben kann, ohne dass sofort die gesamte Beziehung infrage steht.
Denn dadurch verändert sich etwas Grundsätzliches. Konflikte verlieren ein Stück weit ihren existenziellen Charakter. Sie werden zwar nicht angenehm, aber sie werden weniger bedrohlich. Und das wiederum macht ehrliche, echte Gespräche überhaupt erst möglich.
Durch das Gewitter entsteht manchmal überhaupt erst dieser Raum, in dem beide anfangen können zu überlegen: Worum geht es hier eigentlich wirklich?
Hinter vielen Konflikten liegen Bedürfnisse. Auch die eigenen, nicht nur die des anderen. Der eine Mensch braucht Mitgestaltung, der andere Sicherheit. Der eine braucht Veränderung, der andere Kontinuität. Der eine will neu anfangen, der andere möchte spüren, dass seine Geschichte noch einen Platz hat.
Wenn Menschen anfangen, darüber zu sprechen was sie bewegt, entsteht tatsächlich etwas Neues. Nicht unbedingt Harmonie, auch nicht immer Einigkeit – aber eine andere Form von Wirklichkeit – mit mehr Verständnis, Tiefe und Wahrhaftigkeit.
Kein Vorwurf, sondern ehrliche Beschreibung
Konflikte können Geburtsstätten für Innovation sein. Weil dort etwas sichtbar wird, das vorher verborgen war – wie Bedürfnisse, Verletzungen oder Unterschiede. Und manchmal entsteht daraus etwas Neues, das vorher keiner der Beteiligten sehen konnte.
Gute Beziehungen müssen keine konfliktfreien Beziehungen sein, sondern solche, in denen Menschen erleben dürfen, dass Unterschiedlichkeit nicht automatisch Bedrohung bedeutet. Dass man sich gegenseitig zumuten kann, ohne dass alles zerstört wird. Und dass Beziehungen manchmal gerade dadurch lebendig bleiben, dass nicht alles glattgebügelt wird.
Denn völlig reibungsfreie Beziehungen sind oft gar nicht besonders friedlich, sondern eher vorsichtig, manchmal auch leer, oder einfach still geworden.
Deshalb habe ich meinen Klienten ermuntert, die Sache mit der Lampe doch noch anzusprechen. Nicht als Vorwurf oder Anklage, sondern einfach als ehrliche Beschreibung dessen, was in ihm ausgelöst wurde.
Vielleicht kann daraus etwas entstehen, das vorher gar nicht möglich gewesen wäre. Ein echtes Gespräch, mehr Verständnis füreinander, vielleicht sogar eine neue gemeinsame Idee für die Küche, in der die Bedürfnisse aller wieder einen Platz haben.
Und wenn Sie selbst gerade einen Konflikt mit sich herumtragen, den Sie aus Sorge vor Streit oder Verletzung bisher nicht angesprochen haben, dann lohnt es sich vielleicht, einmal vorsichtig hinzuschauen, was Ihnen eigentlich genau solche Angst macht. Denn das Schweigen schützt Beziehungen nicht immer. Manchmal vergrößert es vor allem den inneren Abstand zwischen Menschen.
Die eigentliche Chance von Konflikten liegt darin, dass Menschen sich nicht innerlich voneinander entfernen müssen, sondern einander wieder näherkommen können – gerade weil Unterschiedlichkeit sichtbar und akzeptiert wird.

