Oktober 2026

Wenn aus Verzicht plötzlich Fülle wird
Wir haben oft ziemlich genaue Vorstellungen davon, was uns guttut und was einen Tag zu einem guten Tag macht. Wenn wir auf eine Reise gehen, eine Veranstaltung besuchen oder uns auf etwas Besonderes freuen, entsteht in unserem Kopf schon vorher ein Bild davon, wie es sein soll, damit es richtig toll wird.
Aber wissen wir eigentlich wirklich so genau, was wir brauchen, damit es uns gutgeht? Was geschieht, wenn unser Körper, unsere Gefühle oder irgendein inneres Signal plötzlich etwas ganz anderes sagen als unser Kopf? Ist das dann eine lästige Störung unseres schönen Plans? Oder kann gerade dadurch etwas Neues entstehen, das wir vorher überhaupt nicht sehen konnten?
Über Letzteres habe ich vor Kurzem auf einem Kongress in Glasgow nachgedacht – wobei „erlebt“ eigentlich besser passt. Zunächst dachte ich nämlich gar nicht groß darüber nach. Ich merkte nur: Ich kann nichts mehr aufnehmen. Ich bin voll bis ganz obenhin – Oberkante Unterlippe.
Möglichst viel mitnehmen
Ich war bei einem europäischen Hypnosekongress, der von der European Society for Hypnosis ausgerichtet worden war, und solche Kongresse sind für mich immer etwas Besonderes. Sie finden nur alle vier Jahre statt, und da kommen Kolleginnen und Kollegen aus vielen Ländern zusammen, die mit ganz unterschiedlichen medizinischen und psychotherapeutischen Ansätzen und Themen arbeiten. Es gibt Keynotes, Workshops, Oral Presentations, Meetings der Delegierten aller Gesellschaften, Gespräche zwischendurch, Lunch im Stehen und abends noch ein gemeinsames soziales Programm für alle Teilnehmenden. An diesem Tag ging es morgens um acht los und bis ungefähr 18 Uhr im wissenschaftlichen Teil, ab 20 Uhr waren noch Karaoke und Disco geplant.
Und natürlich möchte ich bei so einer Gelegenheit möglichst viel mitnehmen. Es laufen sechs, sieben, acht, neun Angebote parallel und alle nacheinander in kurzen Zeitabschnitten. Man kann sich da wirklich den ganzen Tag mit dem wissenschaftlichen Programm zuballern. Die Tendenz ist: möglichst viel hören, immer mehr und noch immer mehr. Und wenn es irgendwann eigentlich schon zu viel ist, denkt man trotzdem: Das ist jetzt einfach heute total wichtig, das höre ich mir noch an.
Denn ich liebe auch diese Fülle. So viele hochkarätige Vortrags- und Workshopangebote, wann gibt es das schon? Wenn ich all diese tollen Möglichkeiten im Programm sehe und darüber nachdenke, was ich alles machen könnte und wie ich die Programmpunkte am besten zusammenstelle, bekomme ich beim Lesen und Auswählen auch Energie. Die Fülle macht mir Freude. So hatte ich also schon morgens geschaut, was ich unbedingt hören wollte, und den ganzen Tag entsprechend meines Plans ziemlich konsequent durchgehört und sogar in der Mittagspause, ausgerüstet mit ein paar Sandwiches, die Oral Presentations besucht.
Gegen 16 Uhr standen noch ein oder zwei Veranstaltungen auf dem Programm, die ich morgens ebenfalls unbedingt hatte hören wollen. Nur hatte mein Körper inzwischen eine andere Meinung. Ich merkte: Ich kann nichts mehr hören. Meine Ohren dröhnten, der Kopf war voll, und ich war schlicht und ergreifend nicht mehr aufnahmefähig. Natürlich hätte ich trotzdem noch hingehen können. Man kann die Slides fotografieren, eine Audio aufnehmen und sich sagen: Das höre oder schaue ich mir später an. Aber im Grunde war einfach der Kanal viel zu voll, als dass es Sinn gemacht hätte.
Also ging ich. Im ersten Moment fühlte sich das tatsächlich wie ein großer Verzicht an. Ich dachte ungefähr: Gut, jetzt bin ich eben vernünftig und selbstfürsorglich, weil’s nicht anders geht. Ich werde 61 und weiß, dass mir das heute besser tut. Ich verzichte auf etwas, das ich eigentlich gerne noch mitgenommen hätte, weil mein Körper sagt: Schluss.
Für dieses Gefühl ist mir im Nachhinein ein Bild eingefallen: das von den langweiligen Gesundheitsschuhen.
Das Modell Gesundheitsschuhe
Früher habe ich gerne Pumps mit hohen Absätzen getragen. Die waren superschick, ich fühlte mich darin attraktiv und hatte damit irgendwie ein anderes Lebensgefühl. Heute ziehe ich eher Schuhe an, auf denen ich gut laufen kann. Manchmal sehen sie sogar ganz schön aus, und manchmal auch nicht. Gesundheitsschuhe eben, und definitiv sind das keine Pumps!
Natürlich weiß ich, dass sie vernünftig sind. Sie sind bequem, ich kann gut darin gehen. Aber diese Gesundheitsschuhe haben für mich trotzdem erst einmal etwas altbacken Omahaftes. „Vernünftig“ und „bequem“ sind nicht unbedingt die Wörter, bei denen ich spontan denke: Was für ein großartiges Lebensgefühl!
Und manchmal bekommt dieses Sich-um-den-Körper-Kümmern für mich genau diesen Beigeschmack: Ja, muss man halt machen. Früh genug ins Bett gehen, Pausen machen, auf manches verzichten, damit es einem besser geht. Aber eigentlich denke ich dann: Damit verzichte ich doch auch auf die Highlights, den Pfeffer im Leben, Lebensqualität.
So fühlte sich das zunächst auch in Glasgow beim Verlassen des Kongresses an. Die Lebensqualität eines solchen Kongresses besteht für mich ja gerade darin, viel mentalen Input zu bekommen, mich anregen zu lassen, Menschen zu hören, die ich sonst nicht höre. Und nun verzichtete ich ausgerechnet darauf, „nur“ damit es meinem Körper besser ging. Wie bei den ersten Gesundheitsschuhen: vernünftig und bequem – aber erst einmal fühlte es sich nach einem Verzicht auf Lebensqualität an.
Als ich aus dem Universitätsgebäude herauskam und zurück zum Hotel fuhr, wusste ich noch gar nicht genau, was mit mir los war. Ich wusste nur: Ich brauche eine Pause. Wie verspannt ich tatsächlich war und wie sehr ich es brauchte, mich zu dehnen, zu recken und etwas zu machen, wodurch wieder mehr Weite im Körper entsteht, merkte ich erst, als ich im Hotelzimmer ankam.
Kurz entschlossen schob ich in meinem engen Zimmer Sessel und Tisch nach links und rechts, legte ein großes Badehandtuch auf den Boden und machte mithilfe eines Online-Videos aus meinem Yogastudio eine Yogastunde. Mangels Yogamatte rutschte ich auf dem Handtuch herum, links und rechts war kaum Platz, und Übungen, die sonst kein Problem waren, wurden plötzlich anstrengend. Ich hatte schon unter viel besseren Bedingungen Yoga praktiziert, und doch taten die Übungen gut.
Während dieser Stunde merkte ich immer stärker: Was bin ich froh, dass ich gegangen bin! Mir tat beim Dehnen wirklich alles weh. Mein Körper hatte diese Bewegung ganz offensichtlich gebraucht. Erst jetzt spürte ich überhaupt, wie viel Spannung vorher da gewesen war. Eine wunderbare Entscheidung also, und mit jeder Übung gab es wieder mehr inneren Raum. Am Ende, beim Shavasana, der Schlussentspannung, waren alle Schmerzen und Verspannungen vergessen – ich fühlte mich wohl.
Und danach kam die Frage: Was brauche ich denn jetzt als Nächstes?
Ich brauchte etwas zu essen.
Ich bin mir selbst genug
Ich fand einen kleinen Asiaten, der „Pickled Ginger“ hieß, was ich schon als Namen sehr schön fand, und bestellte mir ein Süppchen, Tempura und ein Glas Weißwein. Mein Körper war nach dem Yoga entspannter, aber da war inzwischen noch etwas anderes. Ich hatte nicht nur das Gefühl, dass mein Körper freier war. Ich fühlte mich einfach richtig wohl. Ich saß da mit meinem Essen und hatte plötzlich das Gefühl: Ich bin mir selbst genug.
Und dann dachte ich: Was ist denn jetzt mit Karaoke und Disco und mit dem Socializing? Jetzt bin ich zwar vom wissenschaftlichen Programmteil weggegangen, doch das gehört ja auch noch dazu. Ich singe sehr gerne und habe grundsätzlich auch Lust, mich mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen. Dieser Abend war sogar meine einzige Gelegenheit auf dem Kongress, bei einem solchen Social Event dabei zu sein, weil das Dinner am folgenden Abend bereits ausverkauft war.
Aber das Socializing gehört für mich nicht nur deshalb dazu, weil ich es gerne mache. Ich erwarte es auch von mir. Man zeigt sich auf so einem europäischen Kongress, man trifft Kolleginnen und Kollegen. Das gehört irgendwie zum beruflichen Leben dazu.
Eigentlich hätte ich also allen Grund gehabt zu sagen: Jetzt aber los. Nur hatte ich das Gefühl: Ich brauche das nicht. Ich hatte so eine tiefe Zufriedenheit mit meinem Süppchen und meinem Tempura und damit, da im Pickled Ginger zu sitzen. Also fragte ich mich wieder: Was brauche ich denn jetzt?
Ich hatte Lust, noch spazieren zu gehen.
Ein Abend am Fluss
So lief ich durch die Straßen Glasgows und kam irgendwann an den Fluss. Dort war schönes Abendrot, ich schaute auf eine Brücke, am Rand standen ein paar kleine Buden, da waren der eine oder andere Jogger und einige Jugendliche. Es war gar nicht besonders viel los. Es war einfach diese Atmosphäre am Clyde, in der man sieht: Der Tag geht jetzt zu Ende in Glasgow.
Und als ich dort am Wasser stand, stieg in mir ein richtiges Glücksgefühl auf, das überall durch meinen Körper strömte. Die Mundwinkel folgten ganz von selbst.
Das überraschte mich. Denn nun fühlte sich das überhaupt nicht mehr nach dem Modell Gesundheitsschuhe an. Da war plötzlich eine Schönheit in meiner Umgebung fühlbar für mich, gleich hier am Clyde am Ufer, mit den Buden und der Brücke, dem Abendrot und dem, was ich im Pickled Ginger an diesem Abend erlebt hatte, die einfach ganz für sich stand.
Und ich dachte: Mensch, was für ein Glück, dass ich auf meinen Körper gehört habe und vom Kongress weggegangen bin. Wenn ich geblieben wäre, hätte ich all das nicht erlebt. Und das, was ich theoretisch am Nachmittag dort noch hätte lernen können, hätte ich ohnehin nicht mehr aufgenommen. Der Kanal war ja komplett voll.
Karaoke und Disco ließ ich ebenfalls ausfallen. Obwohl ich grundsätzlich Lust auf das Socializing hatte, merkte ich: Heute Abend ist es hier am Fluss perfekt. Es geht jetzt eigentlich nicht besser. Karaoke und Disco wären etwas anderes Nettes gewesen – aber eindeutig etwas, das für mich am heutigen Abend nicht dran war.
Und auch wenn diese Gelegenheit nun für immer vergangen war: Ich war total zufrieden – nein, ich war glücklich, mit mir und der Welt am River Clyde.
Wenn aus Verzicht Fülle wird
Für mich steckt darin etwas, das über diesen einen Abend hinausgeht: dass manchmal ein Verzicht in einer unglaublichen Fülle münden kann. Was zunächst Überwindung kostet – zu sagen: Das mache ich jetzt nicht –, kann eine völlig andere Richtung nehmen. Es kann tatsächlich noch einmal auf ein ganz neues Gleis führen, auf dem sich etwas auftut, das ich vorher überhaupt nicht gesehen habe. Für mich kam es überraschend und tat sich plötzlich auf, und zwar mit der Ausschaltung der Planung.
Der Output des Verzichts war für mich so unerwartet, weil ganz neue Situationen entstanden waren. Es war nicht einfach nur: Ich mache das jetzt nicht mehr, damit es mir besser geht. Es hatte sich etwas anderes, komplett Neues entwickelt.
Und mein Geist war dabei ja keineswegs abgemeldet. Auch ohne wissenschaftlichen Input und Networking mit den Kolleginnen und Kollegen: Ich habe wieder etwas erlebt, wieder Anregungen bekommen – nur eben anders. Am Ende des Abends schaute ich sogar, was in Glasgow sonst noch los war, und buchte mir für den folgenden Tag ein Ticket für „Mamma Mia!“ im King's Theatre. Auch das hätte ich wahrscheinlich nicht gemacht, wenn ich einfach meinem Kongressprogramm treu geblieben wäre.
Das war für mich das Überraschende: Meine inneren Körpersignale hatten mich auf eine neue Bahn geführt, auf der noch einmal völlig andere Schönheiten dieses Aufenthalts sichtbar wurden.
Dabei hatte ich vorher eine ziemlich klare Vorstellung davon gehabt, was eine richtig gute Konferenz ausmacht: möglichst viel von den wichtigsten Koryphäen hören, möglichst viel weiteren Input mitnehmen, Informationen und Folien bekommen und vielleicht noch ein paar Highlights beim Socializing erleben. So hatte ich es mir vorgestellt.
Und dann sagt der Körper Nein. Dann kann es nach dieser Logik eigentlich nur blöd sein. Aber das ist genau der Irrtum. Der gute Tag oder das, was ich erlebe und was mich glücklich macht, muss nicht das sein, was ich mir vorher im Kopf ausgemalt habe, wie es denn dann funktioniert. Ich kann mich, indem ich auf die Signale meines Körpers höre, durchaus auch darin leiten lassen, was ich brauche.
Es muss passen
Was mich an meiner Glasgow-Geschichte im Nachhinein auch beschäftigt, ist, wie unspektakulär das alles eigentlich war. Ich war auf einem großen internationalen Kongress mit all diesen interessanten Menschen und Möglichkeiten – und was erzähle ich jetzt? Ich habe in meinem engen Hotelzimmer auf einem Badehandtuch Yoga gemacht, ein Süppchen und Tempura gegessen, ein Glas Weißwein getrunken und bin durch Glasgow gelaufen.
Als ich überlegt habe, ob daraus überhaupt ein Blogtext werden könnte, hatte ich tatsächlich kurz den Gedanken: Ist das nicht alles ein bisschen unspektakulär?
Für mich war es aber etwas Großes. Und ich denke, dass gerade das Unspektakuläre wichtig ist. Es muss nichts Bestimmtes, nichts Sensationelles, nichts Großes sein.
Es muss passen. Die Passung zwischen dem, was ich brauche, und dem, was ich tue, ist für mich das Entscheidende dafür, wie es mir geht, ob ich glücklich bin, ob ich mich körperlich, seelisch und geistig wohlfühle.
Diese Passung kann sich im Laufe eines Tages verändern. Morgens war der Kongress genau richtig für mich. Ich wollte all diese Vorträge hören, ich wollte Input, ich wollte diese Fülle. Um 16 Uhr war genau das nicht mehr richtig.
Und für mich war der wichtige Punkt gerade, dass der Körper nicht nur Einschränkungen auferlegt. Er hält auch etwas für uns bereit. Diese Glücksgefühle sind ja ebenfalls körperlich. Wir brauchen unseren Körper auch genau dafür.
Das war für mich das eigentliche Aha-Erlebnis: Mein Körper hatte mir etwas geschenkt.
Was brauche ich jetzt?
Ich wusste an diesem Nachmittag nicht, wohin das alles führen würde. Als ich aus dem Universitätsgebäude ging, wusste ich nicht, dass ich später im Pickled Ginger sitzen und denken würde: Ich bin mir selbst genug. Als ich Yoga machte, wusste ich nicht, dass ich danach durch Glasgow laufen würde. Und als ich losging, wusste ich nicht, dass ich wenig später an diesem Fluss stehen und dieses Glücksgefühl haben würde.
Ich wusste immer nur den nächsten Schritt. Erst weggehen, dann Yoga, dann Essen, dann Abendspaziergang.
Und auch daraus möchte ich keine neue Regel machen. Beim nächsten Kongress kann es genau richtig sein, abends beim Socializing dabei zu sein oder in der Mittagspause noch einen weiteren Vortrag zu hören. Es geht nicht darum, dass ein Spaziergang besser ist als eine Party oder dass wir unsere Pläne vergessen sollten.
Aber manchmal läuft es ganz anders, als man vorher denkt. Und dann gilt: Planung ausschalten! Auf die inneren Impulse hören! Für diesen Tag in Glasgow kann ich sagen: So, wie es war, war es richtig gut. Ich habe viele Vorträge gehört und welche verpasst, die ich theoretisch gerne gehört hätte. Ich war nicht bei Karaoke und Disco. Ich habe meine einzige Gelegenheit zum Socializing auf diesem Kongress sausen lassen. Und trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Denn aus dem, was zunächst wie ein Verzicht aussah, entstand etwas, das ich vorher nicht planen konnte.
Und dafür musste ich immer wieder wahrnehmen, was mein Körper mir sagte, und mich fragen: Was brauche ich eigentlich jetzt?
Manchmal ist die Antwort ganz unspektakulär. Und manchmal merkt man erst später, dass genau dort etwas Besonderes begonnen hat, das man sich vorher gar nicht hätte ausmalen können.

