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Juni 2026

Weisheit ist ... noch einmal hinzuschauen

Wie schnell entscheiden wir eigentlich, was gut und was schlecht für uns ist? Ein Termin fällt aus, jemand reagiert anders als erwartet oder etwas läuft nicht so, wie wir es geplant hatten – damit scheint klar zu sein: Das ist jetzt ärgerlich!

Vor ein paar Wochen hatte ich selbst so einen Moment. Ich saß früh morgens auf einer idyllisch gelegenen Bank mit Blick über ein Tal und meditierte. Wenig später stand ein Traktor vor meiner Aussicht, die Ruhe war dahin und ich war im Begriff, mich zu ärgern.

Dann passierte etwas, das meinen Blick auf die Situation veränderte, und ich stellte mir nicht zum ersten Mal die Frage: Wenn etwas nicht so ist, wie ich es mir vorgestellt habe – ist es dann tatsächlich schlechter?

Oder bedeutet es zunächst einmal nur, dass es anders ist?

 

Wie blöd, schon wieder ein Hindernis!

Diese Frage beschäftigt mich auch in anderen Situationen, denn ich merke immer wieder, wie viele Vorstellungen ich selbst davon habe, wie etwas sein sollte: eine Meditation, ein Seminar, das Wetter oder auch, wie andere Menschen sich verhalten sollten.

An erwähntem Morgen saß ich also auf dieser Bank und meditierte – oberhalb von Salzburg, das mache ich dort manchmal vor Beginn meiner Supervisionswoche. Da gibt es eine Wiese, einen kleinen Hügel und einen wunderbaren Blick über die Felder. Wenn die Sonne aufgeht, ist es dort besonders schön.

Ich hatte meine Rechnung auf eine ungestörte Meditation aber ohne den Bauern gemacht, der kurz nach Beginn meiner Meditationspraxis auftauchte und zu seiner Landmaschine ging, den Motor startete und anfing, die Wiese zu mähen – morgens um Viertel vor sieben. Ich dachte noch: Na gut, der mäht jetzt seine Wiese – und dann verschwand er hinter dem Hügel.

Doch kaum war er weg, kam seine Frau mit ihrem Traktor und einem Anhänger angerattert. Sie parkte das Ganze so vor mir, dass ich plötzlich nicht nur die Geräusche störend in meinen Ohren hatte, sondern auch keinen Blick mehr. Die Aussicht und die Ruhe waren verschwunden, und ich fragte mich in diesem Moment, ob ich lieber sitzen bleiben oder doch gleich gehen sollte. Da stieg die Bäuerin aus, kam auf mich zu und sagte: „Ach, das tut mir jetzt aber leid. Wir nehmen Ihnen ja gerade Ihre Ruhe.“

Ich hörte mich sagen: „Ja, das stimmt – aber es könnte auch eine gute Übung sein, mal unter Realbedingungen zu meditieren.“ Noch während ich das sagte, dachte ich: Heute Morgen bist du aber besonders nett. Denn wie schon angedeutet war mein erster Gedanke ein anderer gewesen: Wie blöd, schon wieder ein Hindernis! Schon wieder etwas, das anders läuft, als ich es mir vorgestellt habe!

Dass Morgen noch eine andere Wendung nehmen würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht …

 

Eigentlich, eigentlich, eigentlich …

Während ich dort in Salzburg saß, hatte ich ein paar Tage hinter mir, die mich auch schon mit der Frage konfrontiert hatten, was es bedeutet, wenn Dinge nicht so sind, wie ich sie mir vorgestellt und geplant habe. Ich leite dort seit vielen Jahren eine Supervisionswoche in einem kleinen Panoramagasthof über den Dächern von Salzburg. Ein wunderschöner Ort, mit einem Seminarraum mit Blick über das Tal, nur wenige Zimmer und alles sehr idyllisch.

In diesem Jahr waren wir nur zu fünft – vier Teilnehmende und ich. Darüber war ich zunächst überhaupt nicht begeistert. Sechs Teilnehmende wären normalerweise meine Untergrenze, zehn gut und zwölf das Maximum gewesen.

Ich fragte mich zu Beginn des Seminars: Wie ist es mir möglich, mit nur vier Leuten eine ganze Supervisionswoche zu gestalten? In meinem Kopf lief bereits ein ganzer Film aus Selbstzweifeln. Doch ich hatte es so entschieden, und alle waren gekommen.

Dann sagte plötzlich einer der Teilnehmer in der Eingangsrunde etwas ganz Nebensächliches, ich weiß gar nicht mehr genau, was es war. Aber plötzlich wurde mir klar: Wenn ich an dieser zweifelnden Haltung festhalte, werde ich die ganze Woche mit einem Energiehänger herumlaufen. Dann werde ich ständig denken: Eigentlich hätten hier mehr Leute sitzen sollen, eigentlich hätte das anders laufen müssen, eigentlich …

Dieses „eigentlich“ ist ein anstrengender Begleiter, und ich dachte: Nein! Wenn ich das Seminar jetzt mache, dann mache ich es auch richtig, dann stehe ich dahinter und begeistere mich dafür!

Interessanterweise begann sich genau in diesem Moment etwas zu verändern. Nicht die Teilnehmerzahl, aber mein Blick auf unsere Runde. Denn plötzlich wurde sichtbar, was diese kleine Gruppe alles ermöglichte: Dieses Quartett ermöglichte unglaublich viel Zeit für Fragen, Beispielfälle, persönliche Themen, Diskussionen und gemeinsames Nachdenken.

Alle konnten alles einbringen, was ihnen wichtig war. Wir haben Fallbesprechungen abgehalten, Gruppenkonzepte entwickelt, eine Teilnehmerin konnte sogar eine Live-Arbeit zum Thema „Tiefentrance“ durchführen, die wir am Vortag gemeinsam vorbereitet hatten. Wir haben diskutiert, reflektiert, ausprobiert, uns festgefahren und weitergedacht. Es entstand etwas, womit ich zunächst überhaupt nicht gerechnet hatte: eine große Ruhe, gefüllt mit Freude an der Arbeit und wachsender Expertise. Es war auf eine Weise intensiv, die Lernen und persönliches Miteinander in allen Aspekten bedient hat.

Niemand musste um Raum kämpfen oder hoffen, irgendwann auch noch dran zu kommen, niemand musste sich beeilen. Es war einfach alles wunderbar und herrlich entspannt. Nach einiger Zeit musste ich über mich selbst lachen: Da saßen dieselben vier Menschen wie am ersten Tag, es war niemand dazugekommen, nichts hatte sich verändert – außer meiner Sicht darauf.

 

Look again at what you know

Mir fiel ein Satz von Milton H. Erickson ein, dem US-amerikanischen Psychiater und Psychologen, der die moderne Hypnose und Hypnotherapie maßgeblich prägte, die ich selbst praktiziere – einen Satz, den ich seit vielen Jahren sehr mag:

Look again at what you know, because what you know might not be what it is. Schau noch einmal auf das, was du zu wissen glaubst. Denn das, was du zu wissen glaubst, ist möglicherweise gar nicht das, was es ist.

Dieser Satz begleitet mich schon lange, und zu dieser Woche in Salzburg passte er gleich mehrfach: bei den vier Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Supervisionswoche und auch bei mir auf der Bank hoch über Salzburg angesichts der Traktoren.

Wir glauben oft zu schnell zu wissen, wie etwas ist. Wir hören, erleben oder sehen etwas, und augenblicklich haben wir eine Erklärung oder eine Bewertung dafür. Der potenzielle Irrtum dabei ist natürlich, dass wir denken, wir wüssten, wie etwas ist – und natürlich wissen wir vieles. Und doch lohnt es sich, ein zweites Mal hinzuschauen, denn sobald ich dazu bereit bin, merke ich, wie sich mein Blick verändert. Plötzlich erweitert sich mein Gesichtsfeld und ich sehe etwas, das vorher außerhalb meines Blickfeldes lag. Die Bedeutung des Wahrgenommenen verändert sich dadurch sofort.

 

Was sehe ich eigentlich?

Das zeigte sich auch in einem Gespräch mit einer Teilnehmerin der Supervisionswoche, die als Oberärztin auf einer Station für schwer suchtkranke Menschen bald ihre neue Stelle beginnt. Wir sprachen darüber, was sie dort erwartet, und ein anderer Teilnehmer sagte: „Da würde ich dich eher warnen. Das Burn-out ist doch quasi schon mit eingekauft.“

Alle mussten lachen, auch die angesprochene Teilnehmerin. Aber nicht deshalb, weil sie die Schwierigkeiten nicht gesehen hätte – die sah sie sehr wohl und wusste genau, worauf sie sich einlässt. Sie antwortete ihm ganz nüchtern: „Es ist doch sowieso klar, dass man nicht so viel machen kann.“

Zunächst hat mich ihre Reaktion überrascht, denn man könnte den Satz leicht missverstehen. Als Resignation oder Gleichgültigkeit, als hätte sie innerlich bereits aufgegeben und würde sich vielleicht nicht so sehr engagieren wollen. Aber so war er nicht gemeint, und je länger sie von ihren bisherigen Erfahrungen mit Suchterkrankten erzählte, desto mehr verstand ich: Sie wusste tatsächlich sehr genau, mit wem sie dort arbeiten würde. Mit Menschen, die bei Beginn der stationären Therapie oft schon zehn und mehr Entgiftungen hinter sich haben, weil sie rückfällig wurden, die sich dennoch immer wieder etwas Großes vornehmen und es dann häufig doch nicht nach ihren Vorstellungen schaffen. So landen sie zum wiederholten Mal auf derselben Station.

Die angehende Oberärztin hatte nicht die Erwartung, dass dort plötzlich alle gesund werden oder dass ihre Arbeit automatisch dazu führen wird, dass Menschen nach einigen Wochen abstinent und stabil nach Hause gehen. Die Menschen waren ihr alles andere als egal, aber sie richtete ihre Arbeit nicht an einer unrealistischen Hoffnung aus.

Sie hätte dieselbe Realität auch ganz anders betrachten und sagen können: „Eigentlich kann man da doch sowieso nicht viel bewirken.“ Aber das tat sie eben nicht. Sie hatte keine unrealistischen Erwartungen, und trotzdem hatte sie die Menschen nicht aufgegeben. Sie mochte diese Menschen, schaute nicht nur auf die Rückfälle und die Probleme, sondern auch auf die Gründe, warum diese Menschen überhaupt dort „gelandet“ waren, und auf ihre Ressourcen.

Ich merkte, dass dahinter wieder dieselbe Frage steckte: Was sehe ich eigentlich – und was sehe ich nicht? Beide, sie und auch der Teilnehmer mit seiner Warnung sprachen über dieselbe Situation – aber sie hatte andere Erwartungen, und dadurch wurde auch ihre Bewertung eine andere.

 

See the reality as it is

Solchen Fragen begegne ich auch in meinem Meditation Teacher Training. Dort gibt es drei große Themen: Awareness, Love and Compassion und Wisdom. Also Bewusstheit, Liebe und Mitgefühl und Weisheit. Der tibetische Meditationslehrer Mingyur Rinpoche, bei dem ich dort lerne, sagt über das Erlangen von Weisheit:

See the reality as it is. Sieh die Wirklichkeit, wie sie ist.

Das ist ein anspruchsvoller Satz, denn die Wirklichkeit verändert sich ja ständig. Deshalb bedeutet Weisheit für mich heute etwas anderes als noch vor einigen Jahren. Ich erlebe, dass sie weniger mit Faktenwissen zu tun hat als mit kindlicher Neugier – mit Offenheit und  der inneren Bereitschaft, noch einmal hinzuschauen.

Denn wenn ich glaube, schon zu wissen, wie etwas ist, und wenn ich nur noch meine eigene vorgefertigte Erklärung sehe und nicht mehr das, was tatsächlich vor mir liegt, beginnt schon eine Verengung. Das ist es genau, was Milton H. Erickson gemeint hat: Der potenzielle Irrtum besteht darin, dass ich denke, ich wüsste, wie etwas ist. Weil ich es schon weiß, brauche ich mir kein neues Bild zu machen, und so schaue ich nicht mehr hin. Damit entgeht mir Vieles.

Natürlich gelingt es mir auch nicht immer, ein zweites Mal hinzuschauen. Es ist überhaupt nicht so, als würde ich morgens auf einer Bank sitzen, einen Perspektivwechsel vornehmen und danach durchgehend weise durch die Gegend laufen. Ich hänge genauso in Gewohnheiten und Mustern wie wir alle, zum Beispiel, wenn ich mit intensiven Gefühlen angefüllt bin, also etwa enttäuscht, verletzt oder wütend. Dann finde ich es wichtig, das erst einmal anzuerkennen, denn auch das gehört ja zur Wirklichkeit. Perspektivwechsel bedeutet deshalb für mich nicht, etwas schönzureden oder aus jedem Problem sofort eine Chance machen zu müssen.

Es geht darum, offen zu bleiben für die Möglichkeit, dass das erste Bild noch nicht das ganze Bild ist – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Auch das hat für mich etwas mit Weisheit zu tun. Sie bedeutet für mich heute nicht mehr, möglichst viel zu wissen – sondern anzuerkennen, dass mein erster Eindruck, meine erste Erklärung oder meine erste Bewertung eben nicht zwangsläufig die ganze Wirklichkeit abbildet.

 

Wirklich entspannend

Diese Weisheit beginnt nicht damit, die richtige Antwort zu haben, sondern zeigt sich in der Neugierde weiterzufragen und sich nicht zu schnell mit der ersten Erklärung zufriedenzugeben. Wenn uns etwas nicht gelingt oder uns etwas enttäuscht, etwas nicht rund läuft, wenn es „kneift und beißt“, könnte das schon so etwas wie eine innere Aufforderung für uns sein, den zweiten Blick mit dem Perspektivwechsel zu üben.

Nicht unbedingt sofort, mitten im Ärger oder einer Enttäuschung, aber wenn sich die erste Aufregung gelegt hat, wenn wieder etwas mehr Raum entstanden ist. Dann können wir uns fragen: Was sehe ich eigentlich? Und was glaube ich nur zu sehen? Denn häufig ist die erste Geschichte, die wir uns erzählen, nicht die einzige mögliche Geschichte – und häufig auch nicht einmal die hilfreichste.

Das habe ich auch – nicht zum ersten Mal – in meiner Supervisionsveranstaltung erlebt, weil dort unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen. Dort in Salzburg waren das die Perspektiven der angehenden Oberärztin, eines Kollegen aus einem medizinischen Versorgungszentrum, einer psychoanalytischen Psychotherapeutin und einer Psychiaterin, die gerade begonnen hatte, sich intensiv in ihrer Ausbildung mit Hypnose zu beschäftigen.

In dieser Runde konnte etwas entstehen, das keiner von uns allein hätte entwickeln können. Jemand sah etwas, das ich vorher übersehen hatte, oder stellte eine Frage, auf die ich selbst nie gekommen wäre, und auf einmal wurde die Wirklichkeit größer– einfach weil eben mehrere Perspektiven zusammen mehr sehen als eine einzelne. Dadurch entsteht eine Schwerelosigkeit und Leichtigkeit – und die Weisheit wächst.

Das finde ich faszinierend – und auch, dass ich selbst immer wieder feststelle, wie begrenzt mein eigener Blick manchmal ist, obwohl ich all das doch eigentlich schon längst gelernt habe. So wie an dem Morgen, als ich auf der Bank saß und meditieren wollte und die Bäuerin mir die Sicht versperrte. Das Problem war nicht, wie mein erster Impuls meinte, der Traktor, sondern meine Vorstellung davon, wie dieser Morgen aussehen sollte. Meine ideale Bedingung war nicht mehr da, und in dem Moment hatte ich die Wahl, mich darüber zu ärgern – oder neugierig zu werden. Ich konnte denken: Jetzt ist die Meditation ruiniert. Oder: Das ist jetzt die Herausforderung, an der ich wachsen kann.

Und als ich es anders betrachtete, veränderte sich etwas. Plötzlich war da gar kein Problem mehr, sondern da war einfach eine Frau, die ihre Tiere versorgen musste. Als ich das verstanden hatte, musste ich selbst ein wenig lachen und dachte: Manchmal ist die Welt erstaunlich viel freundlicher, als unsere erste Interpretation vermuten lässt.

Es ist wirklich entspannend, wenn man nicht für alles sofort die Lösung kennt. Wir können auf diese Weise unsere eigene Weisheit entwickeln: nicht indem wir immer mehr wissen, sondern indem wir bereit bleiben, noch einmal hinzuschauen.