Die Schildkröte, die Hitze und die Kunst des Schauens
Vor ein paar Wochen hatte ich mir vorgenommen, etwas im Garten zu arbeiten. Es war noch am Morgen, aber trotzdem fühlte es sich schon an, als hätte die Sonne den ganzen Garten bereits in Besitz genommen. Die Luft stand, selbst die Blätter der Birke bewegten sich nicht.
Der Lavendel wartete darauf, zurückgeschnitten zu werden, die Hecke sah schon seit Tagen ein wenig zu wild aus und die Terrasse hätte einen Besen vertragen. Und irgendwo lag noch der Sack mit der Blumenerde, den ich gestern einfach stehen gelassen hatte. Ich hatte geglaubt, das alles würde ich schaffen.
Ich setzte mich einen Moment auf meine kleine Gartenbank. Die Gießkanne stellte ich neben mir ab, dann wischte ich mir den Schweiß von der Stirn und stöhnte leise vor mich hin: „Heute schaffe ich ja wirklich gar nichts.“
Plötzlich hörte ich jemanden leise sagen: „Das ist schade.“
Nichts geschafft?
Ich musste gar nicht hinsehen, ich kannte diese Stimme und freute mich. „Was ist schade, liebe Schildkröte? Wie schön, dass du mich mal wieder besuchen kommst!“
Die Schildkröte kam langsam über den warmen Rasen auf mich zu. Sie hob den Kopf ein wenig, als wollte sie prüfen, ob ich wirklich mit ihr sprach. „Es ist schade, dass du heute gar nichts schaffst.“
Ich musste lachen. „Das hast du gehört? Ich habe das nur so gesagt. Die Arbeit ist heute sehr mühsam, es ist einfach viel zu heiß.“
Sie schaute kurz nach oben und nickte.
„Bei dieser Hitze dauert alles doppelt so lange“, versuchte ich weiter zu erklären
Sie nickte noch einmal. „Und deshalb schaffst du gar nichts?“
„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf: „Natürlich nicht gar nichts.“
Sie schaute mich an. „Es hörte sich an, als hättest du bisher die ganze Zeit nur hier gesessen.“
„Nein, ich habe schon gegossen und dann Unkraut gejätet“, sagte ich. „Aber eigentlich wollte ich noch die Hecke schneiden, den Lavendel zurückschneiden, den Rasen mähen und die Terrasse fegen.“
Die Schildkröte dachte kurz nach. „Du hast also nicht nichts geschafft.“
„Nein“, musste ich ihr zustimmen, „sondern weniger als geplant.“
Die Schildkröte antwortete nicht, denn eine Ameise war über den Rand der Bank geklettert und blieb direkt vor ihrer Nase stehen, als müsse sie sich erst orientieren. Meine Schildkröte beobachtete sie aufmerksam.
Ich wartete.
Nach einer ganzen Weile verschwand die Ameise wieder. Erst dann wandte sich die Schildkröte wieder mir zu. „Vorhin hast du gesagt, du schaffst gar nichts, aber das stimmt gar nicht.“ Sie machte eine kleine Pause. „Warum hast du es dann gesagt?“
Ich zuckte mit den Schultern: „Weil wir Menschen eben manchmal so reden.“
Sie seufzte, nickte langsam und schaute mich mit ihrem undurchdringlichen Blick an..
Ich sah in den Garten. Natürlich hatte die Schildkröte recht. „Weißt du“, sagte ich, „ich glaube, ich vergleiche den Tag ständig mit dem, was ich geplant hatte.“
Die Schildkröte senkte langsam den Kopf und murmelte: „Dann geht es gar nicht ums Wetter.“
„Wie meinst du das?“, fragte ich erstaunt zurück
„Es geht dir mehr um deinen Plan.“
Ich ließ den Satz einen Moment in mir nachklingen. Er fühlte sich erstaunlich wahr an.
Die Hitze kann nichts dafür
Ich spürte, wie mein T-Shirt, obwohl ich jetzt im Schatten saß, am Rücken festgeklebt war, und nahm einen Schluck aus meiner Wasserflasche, während die Schildkröte auch langsam zu mir unter den Schatten kam.
„Du suchst dir also auch einen kühleren Platz?“, fragte ich sie.
„Natürlich“, stimmte sie mir zu. „Wenn es heiß ist, suche ich Schatten. Wenn es regnet, suche ich einen trockenen Platz. Wenn es kalt wird, bewege ich mich weniger.“ Sie sah mich freundlich an. „Doch ich käme nie auf die Idee, das Wetter dafür verantwortlich zu machen.“
„Aber das mache ich doch gar nicht“, wehrte ich ab.
„Bist du sicher?“, fragte sie.
Ich wollte sofort antworten, tat es aber nicht.
„Weißt du“, sagte ich schließlich, „es ist einfach frustrierend. Man nimmt sich morgens etwas vor, und dann macht einem die Hitze einen Strich durch die Rechnung.“
„Die Hitze?“, fragte die Schildkröte und blinzelte mit einem Auge. „Hat sie denn gewusst, was du heute vorhattest?“
Ich musste lachen. „Natürlich nicht.“
„Das meinte ich“, bestätigte sie mit einem Nicken. „Die Hitze kann nichts dafür.“
Eine Hummel landete auf dem Lavendel. Es waren nur noch wenige Blüten übrig. Trotzdem schien sie genau zu wissen, wo sie suchen musste.
Die Schildkröte verfolgte sie mit den Augen, ich tat es ihr nach. „Ich glaube, die Hummel sieht den Lavendel mit anderen Augen als du“, meinte sie dann.
Ich ahnte gleich, worauf sie hinauswollte, und sagte: „Ja, da hast du recht. Sie sucht Nektar. Ich sehe, dass ich ihn längst hätte zurückschneiden sollen.“
Die Schildkröte warf mir einen Blick zu, der aussah, als würde sie lächeln. Ich mag diese Gespräche mit ihr auch deswegen, weil sie nicht auf alles immer noch eins draufsetzt. Sie muss nichts festhalten – nicht einmal ein Gespräch.
Die Hummel sieht etwas ganz anderes
„Komm“, sagte die Schildkröte auf einmal, drehte sich um und lief gemächlich los.
Neugierig ging ich hinter ihr her und fragte: „Wohin gehen wir?“
Sie blieb stehen und schaute zu mir hoch: „Ich weiß es nicht.“
„Und warum läufst du dann los?“, gab ich verwundert zurück.
„Weil man manches erst sieht, wenn man unterwegs ist.“
Ich nickte. „Das gefällt mir.“
Wir blieben vor den Tomaten stehen. Ich hatte sie am Morgen gegossen, jetzt standen sie ruhig in der Sonne und wirkten, als hätten sie schon wieder Durst.
Die Schildkröte streckte den Hals, und ich folgte ihrem Blick. Eine kleine Tomate war über Nacht rot geworden. Gestern war sie mir noch gar nicht aufgefallen. Ich pflückte sie vorsichtig ab, sie war noch warm von der Sonne. Als ich hineinbiss, schmeckte sie süß, irgendwie nach Sommer.
„Komisch“, sagte ich. „Die war heute Morgen bestimmt auch schon rot.“
Die Schildkröte hob nur kurz den Kopf und nickte: „Ja, das war sie.“
Ich schüttelte den Kopf: „Und ich habe sie trotzdem nicht gesehen.“
Sie sagte nichts dazu. Wir beide wussten: Ich hatte heute Morgen nur nach dem gesucht, was noch zu tun war. Nicht nach dem, was schon da war.
Die Schildkröte lief weiter, vor dem Lavendel blieb sie wieder stehen. Eine Hummel verschwand tief zwischen den letzten Blüten. Wir beobachteten sie. Lange.
„Ich glaube", sagte ich irgendwann, „wir Menschen unterschätzen das Schauen."
Die Schildkröte antwortete nicht. Sie wartete, bis die Hummel wieder auftauchte. Erst dann fragte sie: „Was meinst du damit?"
„Dass wir“, erklärte ich, „oft nur sehen, wonach wir suchen. Heute Morgen habe ich den Lavendel angeschaut und nur gedacht, dass ich ihn endlich zurückschneiden müsste. Die Hummel sieht etwas ganz anderes."
Die Schildkröte nickte. Wir schauten beide wieder zu der Hummel, die unbeirrt von Blüte zu Blüte kroch.
„Und in meiner Arbeit erlebe ich etwas Ähnliches. Menschen erzählen mir von ihrem Leben. Und während sie erzählen, merke ich oft, dass sie selbst nur das sehen, was nicht gelungen ist."
Die Schildkröte schaute noch einmal zur Hummel und meinte nur: „Vielleicht schauen sie ihren Sorgen zu."
Die Schildkröte schob ein trockenes Lavendelblatt mit dem Vorderfuß ein kleines Stück weiter. Dann noch ein Stück. Sie schien sehr beschäftigt. „Darf ich dich etwas fragen?“, sagte sie schließlich.
„Immer.“
„Wenn jemand zu dir kommt und sagt: 'Ich schaffe das alles nicht mehr' – was machst du dann?“
Ich musste nicht lange überlegen. „Ich höre erst einmal zu.“
„Sagst du ihm sofort, was er tun soll?“, forschte die Schildkröte nach
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil ich noch gar nicht weiß, worum es wirklich geht.“
Die Schildkröte nickte zufrieden, meine Antwort schien ihr zu gefallen.
Die Wirklichkeit, wie sie ist
Wir gingen weiter. Nicht weit, nur bis zur Hortensie. Dort war es ein paar Grad kühler. Die Schildkröte verschwand fast vollständig unter den großen Blättern, nur ihr Kopf schaute noch hervor.
„Hier gefällt es mir“, sagte ich und setzte mich neben sie ins Gras. Eine Weile schauten wir einfach nur in den Garten.
Es war derselbe Garten wie vor einer Stunde. Und doch hatte ich das Gefühl, ihn zum ersten Mal an diesem Tag wirklich anzusehen.
Von hier aus sah der Garten plötzlich ganz anders aus. Nicht mehr wie etwas, das erledigt werden wollte, sondern wie etwas, das einfach da war.
„Weißt du“, sagte ich, „ich glaube, ich habe den Garten heute Morgen gar nicht angeschaut.“
Die Schildkröte öffnete ein Auge: „Sondern?“
„Ich habe ihn nur abgearbeitet.“
Sie nickte kaum sichtbar.
Wieder wurde es still. Ich dachte an einen Satz, den ich meinen Klientinnen und Klienten oft sage: Es ist etwas anderes, ob wir eine Situation beobachten oder ob wir sie sofort bewerten.
Wie oft hatte ich das schon gesagt? Und wie oft war ich selbst heute Morgen an meiner eigenen Bewertung hängen geblieben? Zu heiß. Zu langsam. Nicht geschafft. Keiner dieser Sätze beschrieb den Garten. Sie beschrieben nur mich.
„Darf ich dir etwas erzählen?“, fragte ich.
Die Schildkröte nickte.
„Im Meditationstraining hat mein Lehrer mir einmal einen Satz mitgegeben, der mich bis heute begleitet.“
Sie wartete, denn sie wusste, dass ich weitererzählen würde.
„Sieh die Wirklichkeit so, wie sie ist.“
Die Schildkröte dachte lange nach. Diesmal wirklich lange. Sie schien gar nicht zu merken, dass ich auf ihre Antwort wartete.
Eine kleine Spinne seilte sich vor ihr an einem Faden von einem Blatt herab. Die Schildkröte beobachtete sie aufmerksam.
Erst als die Spinne wieder verschwunden war, sagte sie: „Das ist ein schöner Satz.“
„Aber er hört sich leichter an, als er ist.“
„Warum?“, fragte die Schildkröte nach
„Weil wir meistens zuerst sehen, wie die Wirklichkeit eigentlich sein sollte.“
Die Schildkröte nickte. „Ja, für euch Menschen ist das nicht einfach. Für mich schon. „Ich sehe einfach, was da ist.“
Heute nicht
„Weißt du“, fragte ich sie dann, „weshalb ich so gern mit dir rede?“
„Warum?“
„Weil du“, sagte ich und lachte sie dabei an, „nicht so tust, als würdest du alles wissen.“
Die Schildkröte wirkte einen Moment fast verlegen. „Ich weiß wirklich nicht alles.“ Sie schaute auf den Boden. „Ich merke nur ziemlich schnell, wenn mir zu heiß wird.“
„Und dann?“
„Dann suche ich Schatten.“
„Ohne dich darüber zu ärgern?“, fragte ich.
„Warum sollte ich mich über die Sonne ärgern?“, gab die Schildkröte zurück.
Was hätte ich darauf antworten sollen?
Irgendwann stand ich auf, weil es Zeit war, ins Haus zu gehen. Die Schildkröte blieb unter der Hortensie liegen.
„Kommst du nicht mit?“, fragte ich sie
Sie öffnete langsam die Augen und sagte nur ein Wort: „Später.“
„Du bleibst einfach hier?“
Sie nickte unmerklich.
Ich ging ein paar Schritte und kam am Besen vorbei, den ich mir heute Morgen schon bereitgestellt hatte. Ich nahm ihn kurz in die Hand, dann stellte ich ihn wieder zurück.
Die Schildkröte beobachtete mich. „Heute nicht?“, fragte sie.
Ich schüttelte den Kopf.
„Warum nicht?“
Ich dachte einen Moment nach und antwortete dann nur: „Weil ich gerade nicht kehren möchte.
„Das klingt anders als heute Morgen.“
„Ja.“ Ich lächelte. „Heute Morgen hätte ich gesagt: Ich sollte jetzt kehren.“
Ich ließ den Blick über die Terrasse schweifen. Sie war dieselbe wie am Morgen. Ich war es nicht mehr so ganz.
An der Terrassentür drehte ich mich noch einmal um. Die Sonne stand inzwischen hoch über dem Garten. Die Tomaten glänzten, eine Amsel hüpfte durch das Beet.
„Du?“, rief ich ihr noch zu.
Die Schildkröte hob den Kopf. „Ja?“
„Danke.“
Sie schaute mich einen Moment an. „Wofür?“
„Dafür, dass du heute mit mir durch den Garten gegangen bist.“
Sie überlegte. „Ich gehe jeden Tag durch den Garten …“
Ich musste lachen. „Stimmt.“
„… heute bist du mitgekommen …“
Ich blieb noch einen Augenblick stehen. Die Hitze war dieselbe geblieben. Die Hecke war keinen Zentimeter kürzer geworden. Und trotzdem war dieser Vormittag anders zu Ende gegangen, als er begonnen hatte.
Nicht, weil ich mehr geschafft hatte, sondern weil ich irgendwann aufgehört hatte, gegen ihn anzuarbeiten.
Am Abend öffnete ich noch einmal das Küchenfenster, die Luft war etwas milder geworden. Die Schildkröte war inzwischen unterwegs. Langsam zog sie ihre vertraute Runde durch den Garten. Vor dem Kompost blieb sie kurz stehen, dann lief sie weiter.
Ich musste lächeln. Sie schien nichts zu suchen. Und doch fand sie überall etwas.

