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Die Schildkröte und das Verlieren

 

„Das gibt es doch nicht.“ Ich stand mitten in meinem Arbeitszimmer und sah mich zum vermutlich fünften Mal um. Auf dem Schreibtisch lagen mein Laptop, einige Bücher, mein Notizbuch, zwei Stifte, ein Stapel Papier, den ich schon seit Tagen wegräumen wollte, und meine Kaffeetasse. Auf dem Sessel neben dem Fenster lagen Unterlagen, die dort eigentlich auch nicht hingehörten. Ich hob sie noch einmal an, obwohl ich das vor wenigen Minuten schon getan hatte. Nichts.

„Was gibt es nicht?“ Ich drehte mich um. Die Schildkröte stand in der offenen Tür, sah zu mir hoch und kam dann im Zeitlupentempo auf mich zu.

„Ach wie schön, das bist du ja mal wieder, liebe Schildkröte. Meine Brille! Ich habe meine Brille verloren.“

Sie blieb stehen. „Oh.“ Mehr sagte sie nicht.

Ich wartete einen Moment. „Was heißt oh?“

„Na ja.“ Sie schob sich noch ein kleines Stück weiter ins Zimmer. „Wenn du sie verloren hast, ist sie weg.“

„Ach, liebe Schildkröte, das ist aber nicht sehr hilfreich“, sagte ich und schüttelte den Kopf.

Ich ging zurück zum Schreibtisch, schob einige Papiere auseinander und sah sogar unter mein Notizbuch. Keine Brille. Langsam wurde ich ärgerlich. „Ich weiß genau, dass sie hier irgendwo sein muss.“

 

Verlieren oder nicht mehr finden?

Die Schildkröte hatte inzwischen den Teppich erreicht und blieb wieder stehen. „Dann hast du sie doch nicht verloren.“

Ich sah sie an. „Doch.“

„Aber du hast gerade gesagt, sie ist hier“, beharrte sie.

Ich korrigierte sie vorsichtig: „Ich habe gesagt, sie muss hier irgendwo sein.“

„Das ist etwas anderes?“, fragte sie nach.

Ich seufzte. „Ich weiß nicht, wo sie ist.“

Die Schildkröte hob den Kopf: „Ach so.“

Dieses Ach so klang anders als das „Oh“ von eben. Ich kannte sie inzwischen gut genug, um zu wissen, dass ich mich darauf besser nicht verlassen sollte.

Ich schaute sie an: „Was?“

„Nichts“, antwortete die Schildkröte scheinbar unbeteiligt.

„Du denkst doch etwas“, insistierte ich.

„Ja.“

„Und was denkst du?“

Sie sah mich eine Weile an. „Du hast die Brille nicht verloren. Du weißt nur nicht, wo sie ist.“

Ich wollte schon widersprechen, ließ es dann aber. Stattdessen setzte ich mich auf die Kante meines Schreibtischstuhls. „Das nennen wir Menschen verlieren.“

„Warum nennt ihr das so?“, wollte die Schildkröte nun wissen.

„Weil wir etwas nicht mehr finden.“

Die Schildkröte schwieg. Ganz schön lange, wie ich fand.

„Was ist jetzt schon wieder?“, unterbrach ich die Stille.

„Wenn du mich im Garten nicht findest, hast du mich dann verloren?“

Ich musste lachen. „Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil ich weiß, dass du irgendwo im Garten bist.“

„Und die Brille ist irgendwo im Zimmer.“

„Ja.“

„Dann verstehe ich nicht, warum du von Verlieren sprichst.“ Sie setzte sich in Bewegung und lief langsam am Schreibtisch vorbei. Ich sah ihr nach.

„Na gut“, sagte ich. „Dann habe ich die Brille eben verlegt.“

Die Schildkröte blieb stehen. „Das klingt besser.“

„Schön, dass wir das geklärt haben“, atmete ich hörbar auf.

 

Was ist verloren?

Ich stand wieder auf und ging ins Wohnzimmer. Natürlich hatte ich dort schon gesucht, aber manchmal übersieht man Dinge. Ich hob ein Kissen an, sah auf den Tisch und ging weiter in Richtung Küche. Die Schildkröte folgte mir in ihrem Tempo.

„Jetzt habe ich wegen dieser blöden Brille schon eine Viertelstunde verloren“, sagte ich.

Hinter mir wurde es ganz still. Ich ging noch zwei Schritte, dann blieb ich stehen. „Nein“, sagte ich, ohne mich umzudrehen.

Keine Antwort. „Frag nicht.“ Immer noch nichts.

Ich drehte mich um. Die Schildkröte stand mitten im Flur und sah mich an, als wäre ich ein kleines Kind – zumindest kam es mir in dem Moment so vor.

„Ich vermute, du willst jetzt wissen, wo die Viertelstunde ist?“, fragte ich sie

„Nein.“ Die Schildkröte schüttete langsam den Kopf.

„Sondern?“

„Ich will wissen, wie man Zeit verliert“, murmelte die Schildkröte und streckte ihren Hals noch etwas länger, als er eh schon war.

Ich lehnte mich an den Türrahmen und verschränkte die Arme: „Indem man sie mit Dingen verbringt, mit denen man sie nicht verbringen wollte.“

Die Schildkröte dachte darüber nach. „Aber die Viertelstunde war doch da.“

„Natürlich war sie da“, musste ich zugeben.

„Und du warst auch da,“ setzte die Schildkröte nach.

„Ja.“ Ich nickte.

„Was ist dann verloren?“

Ich öffnete den Mund und schloss ihn wieder. „Mein Plan für diese Viertelstunde“, sagte ich schließlich.

Die Schildkröte nickte langsam. „Dann hast du deinen Plan verloren.“

„Nein“, rief ich. „Den habe ich noch. Ich bin nur nicht dazu gekommen.“

Sie sah mich an und seufzte mal wieder. „Das ist kompliziert bei euch.“

Ich musste lachen und wusste, dass ich auf jeden Fall dieses kleine Wortgefecht verloren hatte: „Ja. Manchmal ist es das.“

 

Etwas verlieren, das du nicht hattest?

Ich ging zurück ins Arbeitszimmer. Die Brille war immer noch nicht aufgetaucht, aber meine Lust, nach ihr zu suchen, war inzwischen deutlich geringer geworden. Ich setzte mich auf den Boden, lehnte mich mit dem Rücken an den Sessel und streckte die Beine aus.

Die Schildkröte kam hinterher und blieb neben meinem Fuß stehen.

„Wir können übrigens noch ganz andere Dinge verlieren“, sagte ich.

„Was denn?“, wollte sie wissen.

„Eine Gelegenheit zum Beispiel.“

Sie hob den Kopf. „Wo ist die dann?“

„Nirgendwo. Sie ist einfach vorbei.“

„Dann hattest du sie vorher?“, bohrte die Schildkröte weiter.

Ich dachte nach. „Na ja. Ich hatte die Möglichkeit.“

„Was hast du damit gemacht?“

„Nichts. Sonst hätte ich sie ja nicht verpasst.“

Sie zog den Kopf ein kleines Stück zurück. Ich konnte nicht erkennen, ob sie über meine Antwort nachdachte oder ob sie mich einfach nur ansah.

„Dann hast du etwas verloren, das du gar nicht hattest?“

Ich schwieg.

Das war wieder so eine ihrer Fragen, die zunächst vollkommen harmlos klangen und bei denen ich ein paar Sekunden später merkte, dass ich nicht wusste, was ich darauf antworten sollte.

„Man kann auch eine Chance verlieren“, sagte ich.

„Die man vorher hatte?“

Ich dachte einen Moment nach, bevor ich antwortete: „Die sich einem geboten hat.“

„Aber wenn du sie nicht genommen hast, hattest du sie doch nicht.“

„Doch. Als Möglichkeit.“

„Kann man Möglichkeiten haben?“

Ich sah sie an und stöhnte: „Du bist heute anstrengend.“

„Ich sitze nur hier.“

Ich musste lachen.

 

Ist Fehlen dasselbe wie Verlieren?

Eine Weile sagte keine von uns etwas. Durch das offene Fenster hörte ich draußen einen Vogel, irgendwo fuhr ein Auto vorbei. Die Schildkröte setzte sich wieder in Bewegung, umrundete langsam meinen ausgestreckten Fuß und blieb auf der anderen Seite stehen.

„Wir sagen sogar, dass wir Menschen verlieren“, sagte ich irgendwann.

Diesmal antwortete sie nicht sofort.

Sie hob nur den Kopf und sah mich an.

„Wie?“

Ihre Stimme klang anders. Leiser.

„Wenn jemand aus unserem Leben verschwindet. Wenn eine Beziehung endet. Wenn jemand stirbt. Dann sagen wir: Ich habe einen Menschen verloren.“

Die Schildkröte blieb vollkommen still. Dann fragte sie: „Hattest du ihn denn?“

Ich runzelte die Stirn. „Was meinst du?“

„Du sagst, du hast ihn verloren. Dann musst du ihn vorher gehabt haben.“

Ich richtete mich ein wenig auf. „So meinen wir das nicht. Menschen gehören einem doch nicht.“

„Das weiß ich“, nickte die Schildkröte.

„Warum fragst du dann?“

Sie streckte den Hals ein wenig vor: „Weil du es so sagst.“

Ich wollte sofort antworten. Dann hielt ich inne.

Die Schildkröte hatte sich inzwischen abgewandt und schlich ein paar Schritte in Richtung Fenster.

Ich sah ihr nach. „Wenn ich sage, ich habe einen Menschen verloren, meine ich, dass er vorher in meinem Leben war und jetzt nicht mehr da ist.“

„Dann fehlt er dir.“

„Ja. Natürlich fehlt er mir.“

Sie drehte den Kopf zu mir.

„Ist Fehlen dasselbe wie Verlieren?“

Ich schwieg. Nein, dachte ich. Eigentlich nicht. Wenn mir jemand fehlt, sagt das etwas über mich und über diesen Moment. Da ist eine Lücke. Da ist eine Sehnsucht. Da ist jemand, den ich jetzt gerne bei mir hätte und der nicht da ist. Verloren klingt anders. Verloren klingt, als hätte ich etwas gehabt und es wäre mir abhandengekommen. „Nein“, sagte ich schließlich langsam, „es ist nicht dasselbe.“

Die Schildkröte nickte kaum merklich. „Dann könntet ihr doch sagen, dass euch jemand fehlt.“

„Das sagen wir ja auch.“

„Warum sagt ihr zugleich, ihr hättet ihn verloren?“

„Weil es sich so anfühlt.“ Das kam schneller, als ich gedacht hatte.

Die Schildkröte sagte nichts.

„Wenn ein Mensch stirbt, den du liebst“, fuhr ich fort, „dann fehlt er dir nicht einfach nur an einem Nachmittag. Dann weißt du, dass du ihn nicht wiedersehen wirst. Du kannst nicht mehr mit ihm sprechen, ihn nicht mehr anrufen, ihn nicht mehr fragen, was er über etwas denkt. Das ist ein Verlust.“

Meine Stimme war ernster geworden. Ich merkte es selbst.

Die Schildkröte stand immer noch am Fenster. „Ja“, sagte sie schließlich. Nur dieses eine Wort.

Ich wartete.

Sie kam langsam zurück. „Aber er war trotzdem nie deiner.“

„Nein“, gab ich zu.

„Und du warst nie seiner.“

„Nein.“

Wieder entstand eine Pause.

„Ihr wart eine Zeit lang zusammen.“

Ich nickte: „Ja.“

„Und dann nicht mehr.“

„So einfach ist das für uns Menschen nicht,“ wollte ich widersprechen.

„Das habe ich gemerkt.“

 

Habe ich all das wirklich „gehabt“?

Diesmal musste ich nicht lachen. Ich saß noch immer auf dem Boden und dachte darüber nach, wie selbstverständlich wir dieses Wort benutzen: Verlieren. Wir verlieren Menschen. Wir verlieren unsere Jugend. Wir verlieren Möglichkeiten, Zeit, Fähigkeiten. Manchmal sogar uns selbst. Und jedes Mal klingt darin etwas mit, das vorher da war und von dem wir offenbar angenommen haben, es würde bleiben.

„Weißt du“, sagte ich, „wenn man jemanden liebt, denkt man nicht die ganze Zeit darüber nach, dass er irgendwann nicht mehr da sein könnte.“

„Warum sollte man das auch?“

Die Antwort überraschte mich. Denn ich hatte erwartet, dass sie jetzt wieder eine ihrer unbequemen Fragen stellen würde. „Na ja“, sagte ich. „Weil es passieren kann.“

„Natürlich.“

„Aber dann tut es weh.“

„Natürlich.“

Sie sagte es so ruhig, dass ich sie ansah.

„Und deshalb wäre es besser, wenn man sich vorher klarmacht, dass nichts für immer bleibt?“, versuchte ich ihre Gedanken zu erraten.

Die Schildkröte zog den Kopf zurück. „Das habe ich nicht gesagt.“

Ich musste lächeln. Nein, das hatte sie tatsächlich nicht gesagt.

Sie lief ein kleines Stück weiter und schob sich in den Sonnenfleck, der inzwischen durch das Fenster auf den Teppich fiel.

„Ich verstehe nur nicht“, sagte sie, „warum ihr von Verlieren sprecht, wenn euch etwas sehr fehlt.“

Ich wollte sofort widersprechen, aber dann hielt ich inne. „Weil es sich eben wie ein Verlust anfühlt.“

Die Schildkröte sah mich an. „Auch wenn es euch nie gehört hat?“

Eine ganze Weile sagte keine von uns etwas. Die Frage blieb trotzdem im Raum. Warum muss etwas mir gehören, damit ich es verlieren kann? Ich dachte an Menschen, die nicht mehr Teil meines Lebens waren, an Möglichkeiten, die sich nicht mehr ergeben würden, an Zeiten, die vorbei waren. Hatte ich all das wirklich einmal „gehabt“?

Ich war mir plötzlich nicht mehr so sicher. Nicht darin, dass es schmerzlich sein kann, wenn ein Mensch nicht mehr da ist, eine Möglichkeit vorüber oder eine Zeit meines Lebens unwiederbringlich vorbei. Daran änderte sich nichts. Aber war all das deshalb tatsächlich verloren?

„Dann kann man eigentlich gar nicht besonders viel verlieren“, sagte ich.

Die Schildkröte schüttelte langsam den Kopf. „Manches doch.“

„Ach?“, fragte ich verblüfft.

„Deine Brille.“

 

Und wenn ich dich suche und nicht finde?

Ich lachte laut. „Stimmt. Die gehört tatsächlich mir.“

Ich stand auf und sah mich noch einmal im Zimmer um. Diesmal ohne die zunehmende Gereiztheit von vorhin. Ich hob die Papiere vom Sessel, legte sie auf den Tisch und ging zum Regal.

Da lag sie. Zwischen zwei Büchern, auf einem Stapel Unterlagen, den ich offenbar irgendwann dort abgelegt hatte.

„Da ist sie!“ Ich nahm die Brille und hielt sie triumphierend hoch.

Die Schildkröte sah zu mir. „War sie verloren?“ Diese Frage schien sie sich nicht verkneifen zu können.

Ich setzte die Brille auf. „Nein.“

„Was war sie dann?“

„Woanders, als ich dachte.“

Die Schildkröte nickte und schien für den Moment zufrieden. Dann drehte sie sich um und lief zur Tür.

„Wo willst du hin?“, rief ich.

„Raus“, murmelte sie und war wirklich schon fast draußen.

„Und wenn ich dich später suche und nicht finde?“

Sie blieb stehen und drehte noch einmal den Kopf zu mir: „Dann bin ich woanders, als du denkst.“

Ich sah ihr nach, wie sie langsam durch die Tür verschwand. Und während ich mich wieder an meinen Schreibtisch setzte, dachte ich, dass das bei einer Brille eine ziemlich beruhigende Erkenntnis war.

Bei allem anderen würde ich wohl noch ein bisschen darüber nachdenken müssen.