April 2026

Das Verstärkeramt – oder: Wie ein Gefühl von Stimmigkeit entstehen kann
In meinem letzten Text hier im Blog habe ich über das Paradies geschrieben – darüber, dass man an einem Platz sein kann, der alle äußeren Kriterien von paradiesischer Schönheit erfüllt und der sich trotzdem ganz und gar nicht so anfühlt. Dass paradiesisch eher eine Qualität der Wahrnehmung ist als die Eigenschaft eines Ortes.
Doch nun saß ich vor ein paar Wochen in Pfaffenhofen im „Verstärkeramt“, einem 1924 erbauten Gebäude, das früher dazu diente, Telefonsignale zu verstärken, damit sie über lange Strecken verständlich bleiben. Und ich hatte auf einmal ein Gefühl von Stimmigkeit, Fülle, Leichtigkeit und innerer Weite – ein Gefühl, das paradiesisch zu nennen nicht zu hoch gegriffen ist.
Nicht, weil ich dort gerade Urlaub gemacht hätte. Im Gegenteil: Ich arbeitete von morgens bis abends und leitete – wie so oft – ein Fortbildungsseminar zur Hypnose und Hypnotherapie. Fünf dichte Tage mit drei aufeinanderfolgenden Kursen, wenig Pausen, viel Stoff, viel Konzentration. Es war anstrengend. Und trotzdem war da dieses Gefühl.
Und ich begann mich zu fragen, woran das lag.
So ist es richtig
Ich erinnere mich besonders an einen Moment dort, als ich die Empfindung hatte: So ist es richtig. Wir saßen an einer langen Tafel im sogenannten „Verstärkersaal“ (in dem früher mehrere Reihen sogenannter Hebdrehwähler gestanden hatten, mit denen die eingehenden Telefonanrufe mechanisch weitergeleitet wurden). Niemand hielt eine große Rede, niemand hatte gerade eine bahnbrechende Erkenntnis, und es geschah auch sonst nichts, was man auf den ersten Blick unbedingt erzählen würde. Wir aßen einfach nur miteinander zu Mittag. Es gab ein Risotto, dazu einen grünen Kräuter- oder Wildkräutersalat, alles frisch gekocht, und um uns herum war dieses alte Haus mit seinen hohen Decken, seiner eigentümlichen Mischung aus Großzügigkeit, Geschichte und Wärme.
Es war richtig. Damit meine ich nicht: perfekt. Sondern eher etwas viel schwerer Fassbares: ein Gefühl von Stimmigkeit. Der Raum, die Menschen, das Essen, die Gespräche, die Arbeit, die Müdigkeit, auch die Verschiedenheit der Einzelnen – alles stand in einem Verhältnis zueinander, das nicht gemacht wirkte. Es musste sich niemand verbiegen, niemand musste glänzen, niemand musste so tun, als sei er oder sie entspannter, klüger, heiler oder sicherer, als es tatsächlich gerade der Fall war. Und genau dadurch entstand etwas Paradiesisches.
Ich gestehe: Das hat mich irritiert. Denn ich wollte es mir nicht zu leicht machen. Ich wollte nicht einfach sagen: Ach, das war eben ein schöner Ort, und schöne Orte machen schöne Gefühle. Gerade das glaube ich ja nicht. Also musste es um etwas anderes gehen, um etwas, das sich an diesem Ort zwar gezeigt hat, das aber über den Ort hinausweist.
Die Geschichte dieses Seminarortes hatte eigentlich mit einer kleinen Notlage begonnen. Ich hatte ursprünglich Räume mitten in München in Aussicht – die mir ungefähr acht Wochen vor Beginn abgesagt wurden. Ich geriet also ins Rotieren, fragte herum und bekam über mehrere Ecken den Kontakt zu Bernhard Averbeck-Kellner, der das Verstärkeramt zusammen mit seinem Mann Norbert Averbeck vor einigen Jahren gekauft, grundlegend renoviert und zu einem Haus umgebaut hat, das man für Seminare und sonstige Veranstaltungen mieten kann.
Ich tat dann etwas, was ich sonst nie tue: Ich traf meine Entscheidung nach Foto, Telefonstimme und E-Mail. Normalerweise gehe ich irgendwo hin, setze mich in den Raum, laufe ein paar Schritte. Ich spüre, ob er mich einlädt oder eher auf Abstand hält. Ich lasse meinen Blick wandern. Ich höre, ob etwas in mir ruhig wird oder eher eng. All das fiel diesmal aus. Und ich sagte trotzdem zu. Ein bisschen aus der Not geboren, aber auch, weil da auf eine schwer erklärbare Weise etwas Vertrauenerweckendes war.
Du darfst hier sein
Das Verstärkeramt in Pfaffenhofen ist kein Seminarhaus im üblichen Sinn, kein Hotel, kein glatt optimierter Tagungsort, kein neutraler Multi-Funktionsraum. Es ist ein altes Haus mit Geschichte. Früher standen dort diese großen Maschinen, mit deren Hilfe analoge Signale übertragen wurden. Der Gedanke gefiel mir auf Anhieb: dass da einmal etwas verstärkt wurde, das sonst nicht weit genug getragen hätte.
Die Decken sind enorm hoch, unglaublich stabil, fast herrschaftlich. Unten gibt es den Verstärkersaal mit der langen Tafel und sogar einem Flügel für Salonkonzerte. Oben, auf dem Dachboden, wo wir gearbeitet haben, gibt es Balken, Nischen, eine kleine Kaffee-Ecke, ein paar Fatboy-Kissen und überhaupt diese eigenartige Mischung aus alter Bausubstanz, renovierter Schönheit und privatem Leben. Denn das Haus wird von Bernhard und Norbert bewohnt, und gleichzeitig ist es offen für Veranstaltungen. Es ist privat und doch gastlich.
Ich glaube, ein Teil meiner eigenen Erleichterung hatte auch damit zu tun, dass dieser Ort nicht so tat, als sei er perfekt. Ich mag Häuser, in denen man spürt, dass Menschen in ihnen leben, arbeiten, Dinge ausprobieren, auch mal etwas umräumen, sich nicht hinter einer professionellen Oberfläche verstecken, die einem vermitteln: Du darfst hier sein, auch mit Müdigkeit, mit Unklarheit, mit deinem Kram. Das Verstärkeramt hatte für mich genau diese Qualität.
Dazu kamen die beiden Gastgeber. Bernhard war derjenige, der für uns sichtbar und spürbar die ganze Zeit da war, Geschichten erzählte, umräumte, frisch einkaufte, kochte, reagierte, sich kümmerte, sich engagierte, und zwar in einem Ausmaß, das ich an einem Tagungsort so noch nie erlebt habe. Er hat uns kulinarisch verwöhnt, uns mit allen möglichen Spezialitäten versorgt, und man merkte: Ihm macht das Spaß. Das macht atmosphärisch einen riesigen Unterschied.
Es war etwas Merkwürdiges in der Luft: dieses Gefühl, dass man dort eigentlich fremd ist und sich trotzdem auf eine sehr angenehme Weise willkommen fühlt. Als hätte jemand eine Tür geöffnet und gesagt: Kommt rein, macht es euch bequem. Durch diese Mischung aus Schönheit und liebevoller Fürsorge bekam das Paradiesische diesmal auf eine andere Weise seinen Namen – als erfahrbare Qualität eines Miteinanders, in dem vieles gleichzeitig da sein durfte: die Schönheit des Hauses, die Freude am Essen, die Dichte der Arbeit, das Fremdsein, das Sich-Annähern, die Müdigkeit, die Neugier, der Mut und auch die Unsicherheit.
Wenn Menschen einander Raum geben
Diese Fortbildung war ein Paket aus drei Grundkursen hintereinander, Mittwoch bis Sonntag, viel Material in kurzer Zeit. Zehn Menschen, die sich vorher größtenteils nicht kannten. Für viele war auch die Konstellation neu, zum Teil sogar der Weg dorthin ein Zumutungspunkt, weil sie gedacht hatten, dass die Fortbildung im Herzen von München stattfinden würde. Man hätte also durchaus vorsichtiger, reservierter, unwilliger miteinander umgehen können. Es wäre ohne weiteres möglich gewesen, dass da eine gute, aber eher funktionale Lerngruppe entsteht. Eine höfliche, fleißige Gruppe, die die Inhalte mitnimmt und dann wieder verschwindet.
Aber es kam anders, so auch, als am dritten Tag etwas geschah, das ich aus Gruppen gut kenne und weshalb ich ihn oft Krisentag nenne: Das Neue ist durch, die Anspannung sinkt, man schläft schlechter, Themen kommen hoch. Ich frage dann nach den „Resten der Nacht“ – Träume, Erkenntnisse, was beschäftigt. Gerade in Hypnosefortbildungen wird innerlich vieles aktueller. Es ist kein Zwang – aber wenn etwas da ist, darf es da sein.
An diesem Morgen erzählte eine Teilnehmerin von ihrer Unsicherheit mit deutscher Sprache und Hypnose. Sie kommt aus der Türkei, und Hypnose lebt von Nuancen – in einer Fremdsprache ist das anders. Als sie das sagte, öffnete sich der Raum. Danach berichtete jemand von einer kokelnden Heizung, andere von privaten Belastungen. Nachdem es ausgesprochen war, wurde der Raum heller – ganz konkret in der Stimmung. Plötzlich konnten alle wieder vergnügt anwesend sein. Wir hatten einen richtig guten Tag, obwohl einige kurz zuvor noch dachten, sie seien zu müde, zu belastet oder zu unruhig, um überhaupt etwas aufnehmen zu können.
Denn ein Raum wird nicht schwerer, wenn das Schwere ausgesprochen wird, sondern oft leichter. Menschen fallen nicht aus einem Miteinander heraus, wenn sie mit ihrer aktuellen Wirklichkeit sichtbar werden, sondern verankern sich im Gegenteil tiefer darin. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass man dann aufhört, Energie dafür zu verbrauchen, etwas zu verbergen oder gegen etwas anzukämpfen. Es wird nicht alles besser, aber es wird wirklicher. Und Wirklichkeit hat, wenn sie gehalten werden kann, eine entlastende Wirkung.
Ich schreibe „gehalten werden kann“, weil genau da für mich ein Schlüssel liegt. Es braucht einen Rahmen, in dem das offene Erzählen nicht sofort zu einem Übergreifen wird, nicht zu einer gruppendynamischen Pflichtveranstaltung, in der plötzlich alle nackt auf der seelischen Bühne stehen müssen.
Ich mag es nicht, wenn Gruppen zu einer bestimmten Intimität gedrängt werden. Das war hier nicht so. Es herrschte eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der man etwas von sich zeigen konnte – ohne Zwang, „Gruppe werden“ zu müssen. Jeder durfte so sein, wie er ist, und trotzdem gab es Zusammenhalt. Individualität hatte Platz, ohne Selbstinszenierung. Eine Teilnehmerin konnte wegen eines familiären Notfalls zwischendurch ans Handy – das war transparent und in Ordnung. Dazu kam echtes Zuhören: nicht nur abwarten, sondern wirklich aufnehmen. Und Teilen, ohne dominant zu werden, Dialog und ein gutes Gleichgewicht.
Diese Balance ist kostbar. Nicht weil alles konfliktfrei ist, sondern weil Würde, Respekt und Leichtigkeit im Raum sind. Wenn Menschen einander Raum geben, entsteht fast von selbst eine gute Atmosphäre.
Mit dazu beigetragen hatten Vertrauensvorschüsse. Ich habe einen gegeben, als ich diese Räume genommen habe, ohne sie vorher zu sehen. Die Teilnehmer haben mir einen gegeben, indem sie sich auf mich und dieses neue Institut eingelassen haben. Und sie haben einander einen gegeben, indem sie sich auf Hypnoseübungen einließen, obwohl sie die anderen zum Teil erst seit wenigen Stunden kannten. Wenn alle gesagt hätten, ich beobachte erst mal nur, ich halte mich zurück, dann wäre auch nichts passiert. Aber sie haben sich direkt am ersten Abend getraut, selbst eine Entspannungshypnose anzuleiten, obwohl sie vorher noch nie in Trance waren und all die üblichen Vorbehalte gegenüber Hypnose natürlich mitbrachten.
Gerade darin zeigte sich etwas sehr Schönes: dass man nicht jahrzehntelange Vertrautheit braucht, um einen ersten mutigen Schritt miteinander zu machen. Fünf Tage können reichen, wenn die Bedingungen stimmen.
Die Verstärkung
Und dann ist da noch dieser Name: Verstärkeramt.
Je länger ich dort war, desto mehr begann ich, ihm nachzuspüren. Früher wurden dort Signale verstärkt, damit man über größere Entfernungen telefonieren konnte. Und ich dachte: Genau das ist hier auf eine ganz andere Weise auch geschehen. Es wurde nichts aus dem Nichts erschaffen. Man kann nur etwas verstärken, was schon da ist.
Diese Erkenntnis gefällt mir besonders, weil sie mich davor bewahrt, einen Ort zu idealisieren. Das Verstärkeramt hat nicht magisch aus lauter Fremden gute Menschen gemacht. Es hat nicht einfach so Vertrauen produziert. Es hat niemandem Respekt implantiert oder Einfühlungsvermögen injiziert. All das war schon da, als Potenzial, als Möglichkeit, als Bereitschaft. Aber dieser Ort, diese Menschen, dieses Setting haben es verstärkt.
Verstärkt wurde die persönliche Bereitschaft, sich einzulassen. Verstärkt wurde die Entwicklung, die Freude, etwas zu lernen. Verstärkt wurde die Bereitschaft, sich mit Verletzlichkeit zu zeigen, ohne gleich bedürftig zu werden. Verstärkt wurde das, was ich aus der Hypnose und Hypnotherapie als Rapport und als Yes Set kenne. Rapport bedeutet eine vertrauensvolle Atmosphäre, und Yes Set die Haltung, dass der andere genauso angenommen ist, wie er oder sie gerade ist, dass das, was da ist, erst einmal da sein darf, und dass man genau von dort aus weiterarbeitet. Nicht gegen die Wirklichkeit, sondern mit ihr.
Eine Teilnehmerin sagte mir in der Schlussrunde, wie gut es für sie gewesen sei, dass ich diese Grundwerte – Rapport und Yes Set – die ganze Zeit gelebt hätte. Das hat mich berührt, weil es mir zeigte, dass genau das wahrgenommen wurde: nicht nur Inhalte, sondern Haltung. Und natürlich gehört diese Haltung zu mir, ich bringe sie an jeden Ort mit. Aber an diesem Ort traf sie auf etwas, das sie nicht dämpfte, sondern aufnahm und verstärkte.
Ich mag an diesem Gedanken auch, dass er ein wenig bescheidener ist als die Vorstellung, der richtige Ort müsse alles für uns richten. Das kann er gar nicht. Kein Ort wird uns dauerhaft erlösen, kein Haus, kein Seminarraum, kein Urlaubsort. Und doch macht es einen Unterschied, in welchen Räumen wir uns bewegen.
Räume, Häuser und Atmosphären sind nicht neutral, sie wirken, laden ein oder halten auf Abstand. Sie verstärken Enge oder Weite, Misstrauen oder Vertrauen, Rastlosigkeit oder Konzentration, Grobheit oder Fürsorge. Und weil das so ist, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Nicht nur bei Seminarorten, sondern in einem weiteren Sinne: Wo halten wir uns auf? Was bringen diese Räume in uns und zwischen uns zum Klingen? Wo fühlen wir uns, als müssten wir uns anspannen, schützen, darstellen? Und wo entspannt sich etwas, ohne dass wir träge werden? Wo wird Kreativität möglich, gerade weil da ein gewisser Schutz ist, eine Geborgenheit, ein Nest, ein Gewächshaus, ein Raum, in den nicht gleich alle Stürme der Welt hereinblasen?
Am Ende dieser fünf Tage haben mehrere Teilnehmer gesagt, sie würden jetzt gern noch bleiben. Sechs von zehn haben sich direkt wieder angemeldet, andere konnten nur terminlich noch nicht fest zusagen. Und in diesem Wunsch, zu bleiben, steckt für mich etwas sehr Schönes. Nicht nur: Es war nett. Sondern: Es hat getragen, es hat etwas genährt. Es hatte fast etwas von Urlaub – obwohl wir so intensiv gearbeitet haben. Arbeit und Erholung, Lernen und Verbundenheit, Dichte und Leichtigkeit müssen sich nicht ausschließen. Etwas kann intensiv sein und gleichzeitig wohltuend, man kann sich anstrengen und sich trotzdem geborgen fühlen.
Die Botschaft, die ich aus diesen Tagen mitnehme lautet: Gutes menschliches Miteinander ist keine Zauberei, aber auch keine Kleinigkeit. Es entsteht unter bestimmten Bedingungen: Wenn Individualität Raum hat, wenn Wertschätzung da ist, wenn zugehört wird, wenn niemand den Raum platt macht. Wenn man sich mit seiner Verletzlichkeit zeigen darf, ohne die ganze Gruppe damit zu überrollen. Wenn es ein gemeinsames Ziel gibt. Wenn Vertrauen nicht nur eingefordert, sondern vorgelebt wird. Und wenn sich irgendjemand – sei es eine Leiterin, ein Gastgeber, ein Gastgeberpaar, eine Gruppe – wirklich engagiert. Aus der Haltung heraus: Es ist gut, dass ihr da seid.
Ein Ort macht kein Paradies. Aber er kann helfen, dass etwas Paradiesisches in uns und zwischen uns verstärkt wird und zum Klingen kommt.

