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September 2026

Wie viel Freiheit macht uns glücklich?

Im Blogtext des vergangenen Monats hatte ich mich mit der Frage beschäftigt, wie viel Individualität eigentlich ein gemeinsames Ziel verträgt. Ausgangspunkt war eine Seminarwoche, in der elf sehr unterschiedliche Menschen gemeinsam eine Kabarettaufführung auf die Beine stellen wollten. Dabei hatte ich erlebt, dass etwas Gemeinsames nur entstehen kann, wenn nicht jeder jederzeit ausschließlich seinen eigenen Vorstellungen folgt, sondern bereit ist, sich mit dem, was er kann, in eine gemeinsame Sache einzubringen.

Damals hatte ich vor allem darauf geschaut, was dadurch für die Gemeinschaft entsteht. Aber nun frage ich mich: Was ist eigentlich mit uns selbst? Was gewinnen wir als Einzelne dabei?

Wir verbinden Freiheit und Selbstverwirklichung heute sehr stark damit, uns möglichst viele Wege offenzuhalten. Wir können entscheiden, wo und wie wir leben wollen, welchen Beruf wir ausüben, mit welchen Menschen wir unsere Zeit verbringen und wie eng wir uns an sie binden. Und wenn uns etwas nicht mehr gefällt, können wir uns neu orientieren.

Das ist eine Freiheit, die ich keineswegs kleinreden möchte. Aber den Blick darauf, dass eine Festlegung vor allem eine Einschränkung bedeutet, empfinde ich als stark reduzierend. Denn in dem Moment, in dem ich mich nicht festlege, bewahre ich mir zwar meine Möglichkeiten, gleichzeitig entsteht jedoch manches erst, wenn ich mich entscheide, mich auf etwas einlasse und damit andere Möglichkeiten zumindest für diesen Moment aufgebe. Um diesen Gewinn soll es heute in diesem Text gehen.

Ein Leben in Optionen

In meiner Praxis begegne ich immer wieder Menschen, die sich einerseits nach Nähe, Zugehörigkeit und Verbindlichkeit sehnen und sich andererseits schwertun, sich tatsächlich auf einen Menschen, einen Ort oder eine Gemeinschaft einzulassen.

Ich möchte hier von Anna erzählen. Sie hat einen Beruf und einen Ort, an dem sie lebt, aber sie weiß nicht, ob sie dort wirklich bleiben möchte. Es gibt andere Orte, an denen sie auch leben könnte, und Menschen, zu denen sie enge Beziehungen hat, die aber weiter entfernt wohnen. Gleichzeitig wünscht sie sich dort, wo sie gerade lebt, das, was ihr am meisten fehlt: einen Freundeskreis, mit dem sie sich auch einmal spontan verabreden kann, Nähe und Beziehungen, in denen sie sich aufgehoben fühlt.

Nur lässt sie sich auf das Leben dort, wo sie gerade ist, nicht so richtig ein. Sie tut es eher punktuell, immer mit der Idee im Hinterkopf, dass sie ja bald weg sein könnte. Wohin, das ist noch gar nicht klar. Und solange das nicht klar ist, erscheint es ihr auch wenig sinnvoll, sich an ihrem jetzigen Ort wirklich etwas aufzubauen.

Auch bei engeren Beziehungen kennt sie diese Bewegung. Sie wünscht sich Nähe. Wenn aus dieser Nähe aber eine verbindliche Partnerschaft werden soll, fühlt sich die Bindung schnell eher wie etwas Einengendes als wie etwas Bereicherndes an.

Ich bin dafür im Gespräch einmal auf die Formulierung „Leben in Optionen im Kopf“ gestoßen: Ich könnte ja noch das eine machen, ich könnte ja noch etwas anderes machen. Ich könnte jederzeit nach einer besseren Möglichkeit Ausschau halten.

Ich würde überhaupt nicht sagen, dass es grundsätzlich falsch ist, sich Möglichkeiten offenzuhalten. Natürlich muss ich mich nicht an das allererste Gefühl für immer binden. Ich würde ja auch nicht in ein Land auswandern, in dem ich noch nie gewesen bin. Es braucht die Möglichkeit, etwas auszuprobieren, Erfahrungen zu machen und auch wieder zu gehen, wenn ich merke, dass etwas für mich nicht stimmt.

Aber wenn ich die ganze Zeit in dieser Welt der Individualisierung, der Selbstverwirklichung und der Möglichkeiten unterwegs bin, bleibe ich eben auch sehr stark in meiner Gedankenwelt. Und was dabei fehlt, ist echte Resonanz. Erfahrungen kann ich erst fühlen und erleben, wenn ich sie mit allen Sinnen in Echtzeit erlebe, und nicht, wenn ich sie mir ausdenke.

Mehr Möglichkeiten – ein besseres Leben?

Ich habe vor einiger Zeit einen Vortrag des Soziologen Hartmut Rosa gehört, der sich viel mit sozialer Beschleunigung beschäftigt. Ein Gedanke daraus ist mir in diesem Zusammenhang wieder eingefallen: Je mehr Möglichkeiten wir haben und je mehr wir meinen, sie auch nutzen zu müssen, desto knapper wird die Zeit – in unserer Wahrnehmung, aber auch ganz praktisch als Ressource. Wir können mehr machen, also machen wir mehr. Und weil die anderen ebenfalls mehr machen können, erwarten wir es irgendwann auch gegenseitig voneinander. So entsteht eine Art Eskalationslogik.

Ich nenne das einmal den „Derwisch-Effekt“: Wir drehen uns die ganze Zeit um uns selbst – um unsere Möglichkeiten und Fähigkeiten, um die Bewertung dessen, was wir tun, um die Bewertung, die wir gerne von anderen hätten, um unser Selbstbild und darum, was andere von uns erwarten.

Während wir damit beschäftigt sind, aus unseren Möglichkeiten möglichst viel zu machen, kann etwas anderes fehlen: Tiefgang, Halt, Sicherheit und Geborgenheit. Das Gefühl, nicht nur allein mit all meinen Möglichkeiten unterwegs zu sein, sondern in einer gewachsenen Gruppe, einer Familie, einem Freundeskreis oder einer Partnerschaft einen Platz zu haben.Denn jederzeit gelebte Individualität kann auch etwas Vereinsamendes haben.

Wenn jeder und jede in einer Gruppe einen Platz einnimmt und ein Zusammenwirken entsteht, hilft das eben nicht nur der Gruppe dabei, ihr gemeinsames Ziel zu erreichen. Es gibt auch mir als Einzelner etwas. Selbst wenn ich nicht immer und in jedem Augenblick zu 100% das bekomme, was ich mir gerade vorgestellt habe, wenn ich mich an manchen Stellen sogar einschränke oder auch einmal gar nicht dran bin, weil jemand anderes wichtig ist, erlebe ich mich positiv in der Resonanz mit meiner Aufgabe und mit der Rolle, die ich einnehme, und im besten Fall auch in der Anerkennung und Unterstützung der anderen. Das führt mich zu einem ganz anderen „Verortetsein“ im Leben.

Ich kenne das auch aus meinem eigenen Leben. Ich habe zwar einen Partner, doch lebe ich allein mit meiner Katze, habe keine Geschwister und keine Kinder. Meine Eltern sind seit einigen Jahren verstorben. Natürlich habe ich – sogar eine ganze Menge – Cousinen und Cousins mit ihren jeweiligen Familien, aber das fühlt sich für mich nicht an wie eine engere Familie. Ich kann mich deshalb entweder als familienlos und allein empfinden – oder, wie ich es inzwischen tue, wahrnehmen, dass ich längst mit meinen Freundinnen und Freunden eine Wahlfamilie gegründet habe.

Während Corona ist mir das besonders bewusst geworden. Als man zeitweise nur mit der Kernfamilie beziehungsweise einer sehr begrenzten Zahl von Menschen zusammen sein durfte, stand für mich plötzlich die Frage im Raum: Wer ist denn nun eigentlich meine Familie? Ich habe dann eine Hand voll Freundinnen und Freunde dazugezählt. Ich sehe diese Menschen heute nicht unbedingt öfter als vorher, aber ich habe seitdem eine noch innigere Verbindung zu ihnen, ein gewachsenes Gefühl von Zugehörigkeit.

Eine Freundin aus meiner Wahlfamilie wird im Dezember 60, und sie weiß noch nicht, wie und wann sie ihren Geburtstag feiern möchte. Lieber am selben Wochentag mit der erweiterten Familie oder/und im kleinen Freundeskreis eine Party am Wochenende? Oder doch lieber eine riesige Sommerparty im nächsten Jahr? Oder alles? Ich hätte parallel in der besagten Winterwoche die Möglichkeit, an einem tollen Gedicht- und Theaterworkshop teilzunehmen, den ich äußerst gerne machen würde und der in dieser Form zum letzten Mal stattfinden wird. So habe ich zuerst meine Freundin ein bisschen gedrängt: Kannst du dich bald entscheiden, wann du feiern möchtest? Am Montag oder am Samstag? Sag mir doch bitte mal, was du am Tag deines Geburtstags vorhast. Doch sie blieb vorerst unschlüssig.

Dann habe ich das Ganze für mich klar entschieden: Nein, ich fahre nicht zu diesem Workshop und bin an allen Tagen der Woche zu Hause. Meine Freundin kann in Ruhe herausfinden, wie sie ihren Geburtstag verbringen möchte, und egal, wie sie sich entscheidet, ich bin auf jeden Fall da.

Natürlich ist das erst einmal ein Verzicht für mich. Und ich wäre wirklich gern zum Seminar gefahren, vor allem, wenn sie vielleicht erst am Wochenende feiern würde, wäre es auch gar kein Problem – aber es ist eben unklar. Und meine Entscheidung für den Verzicht gibt mir auch etwas Schönes: Da ist unser Freundschaftsband, das eine Wichtigkeit hat. So würde ich es auch in meiner Familie machen – und meine Freundin ist eben ein Teil meiner Wahlfamilie.

Wir alle wünschen uns häufig Menschen, die uns einfach genauso nehmen, wie wir sind, die uns verstehen, auf uns eingehen und für uns da sind. Und warum nicht das Ganze umdrehen und andersherum darauf schauen: Was geschieht mit mir, wenn ich selbst jemandem diese Verlässlichkeit gebe? Wenn ich einen anderen Menschen annehme, genauso wie er oder sie ist, mich komplett einbringe und mich einlasse?

Wenn Zugehörigkeit zu eng wird

Dabei möchte ich hier nicht den Eindruck erwecken, Zugehörigkeit sei immer etwas Gutes und wir müssten uns nur wieder stärker in Familien oder andere Gemeinschaften einfügen. Denn natürlich können sich soziale Systeme auch viel zu eng anfühlen.

In meiner Ursprungsfamilie gab es genug Freiheit, doch meine Eltern kannten solche Regeln noch zur Genüge aus ihrer Kindheit: Mittags um zwölf Uhr hatte man zum Essen da zu sein – sogar als erwachsene/r Sohn oder Tochter. Nicht um halb eins, nicht um eins und auch nicht erst am Abend. Um zwölf. Und wenn sie nicht da waren, hing der Familiensegen schief. Damit war dann eben auch kein Tagesausflug möglich.

Solche Regeln können durchaus einen nachvollziehbaren Ursprung haben. In einer Bauernfamilie gibt der Alltag schon durch die Versorgung der Tiere bestimmte Zeiten und Rhythmen vor. Aber daraus folgt nicht, dass alle anderen ihr Leben genauso organisieren müssen, auch wenn sie keine Tiere haben. Wenn es heißt: Entweder du lebst so, wie wir es für richtig halten, oder du gehörst nicht mehr richtig dazu – dann wird aus dem Halt einer Gemeinschaft ein enges Korsett.

Auch in meiner Praxis erlebe ich manchmal solche Konstellationen. Eine Klientin fühlt sich zum Beispiel ihrer Familie sehr verbunden und möchte für sie da sein. Gleichzeitig erwartet ihr Vater eine nahezu ständige Verfügbarkeit. Wenn etwas zu erledigen ist oder er Unterstützung braucht, trägt er es sofort in der Messenger-Familiengruppe an seine Kinder heran und erwartet schnelles Handeln. Für meine Klientin entsteht daraus immer wieder der Druck, sich zuständig zu fühlen, da sie am nächsten wohnt.

Das Schwierige ist: Sie möchte ihren Teil beitragen. Aber sie weiß nie, wann sie gefragt sein wird und wann das, was sie gegeben hat, für den Vater so passt, dass es damit auch einmal genug ist. Dadurch entsteht bei ihr nicht das gute Gefühl: „Ich habe etwas in meine Familie hineingegeben, das ist wertgeschätzt, das ist gut so und jetzt ist es auch erledigt“. Stattdessen bleibt das Gefühl, dass es eigentlich nie erledigt ist. Ihre Rolle in diesem System ist nicht klar.

Und irgendwann scheint es innerlich in der Not nur noch zwei Möglichkeiten zu geben: Entweder sie hält diese ständige Verfügbarkeit aus – oder sie geht auf Distanz zu ihrem Vater. „Ich will ja nicht mit meinem Vater brechen“, hat sie in der Therapie mehrmals gesagt. Aber wenn Zugehörigkeit für sie so eng wird, dass sie es nicht mehr aushalten kann und will, erscheint ein Bruch irgendwann als einziger Ausweg.

Diese Art von Verfügbarkeit ist zu viel des Guten. Es geht mir also nicht darum, individuelle Freiheit nun wieder gegen möglichst viel Gemeinschaftsaktivität einzutauschen. Ich spreche hier von einem festen System, aber von einem mit guten Grenzen, von einem, das nicht fesselt.

Ohne Grenzen gibt es keinen Raum

Grenzen machen weder unglücklich noch glücklich, aber sie geben einen Raum. Ohne Grenzen gibt es keinen physisch wahrnehmbaren Raum.

Wenn ich mir ein Haus oder eine Wohnung vorstelle, dann sind es ja gerade die vier Wände, die den Raum entstehen lassen. Natürlich begrenzen sie mich nach außen. Aber normalerweise sitze ich nicht zu Hause und denke: Wie furchtbar, diese Wände, ich bin eingesperrt. Ich erlebe die Wohnung als meinen sicheren Raum. Ich gestalte sie, fühle mich dort wohl, lade Menschen ein.

So kann ich auch ein menschliches System betrachten. Eine Partnerschaft, eine Familie, ein Freundeskreis oder eine Gruppe hat nicht alle Möglichkeiten, aber ich kann mich darin verorten, meinen Platz finden und mich einbringen. Wenn ich mich auf einen solchen Raum einlasse, bedeutet das nicht, dass ich mich darin fesseln lassen muss. In einem guten System gibt es klare Werte und Regeln, aber auch durchlässige Grenzen und Ausnahmen. Es entsteht eine Verlässlichkeit, die Geborgenheit schaffen kann. Ich kann mich fallen lassen, ich kann so sein, wie ich bin. Manche Sachen gehen nicht, andere gehen. Das ist der Raum meiner Selbstverwirklichung, in dem ich getragen und gegründet bin und in dem auch die anderen getragen sind. Ich überfordere die anderen nicht, die anderen überfordern mich nicht, wir können miteinander so sein, wie wir sind.

Wir sehnen uns nach Zugehörigkeit, danach, aufgehoben, verankert und geborgen zu sein und einen Platz zu haben. Je vertrauensvoller eine Gemeinschaft ist, wenn sie gut ist, desto intensiver kann dieses Gefühl sein. Aber dazu gehört eben auch, diese Zugehörigkeit selbst zu geben: für andere da zu sein, verbindlich zu sein, sich einzubringen und sich einzulassen.

Darin liegt für mich eine neue Sicht auf die Selbstverwirklichung. Sie muss nicht bedeuten, immer noch eine weitere Möglichkeit zu haben, die ich ausschöpfen kann. Ich bin immer da, wo ich bin, so, wie ich bin. Und genau da, in dieser Gegenwart, in diesem Moment, an diesem Ort und in dieser Verbindung zu meiner Umwelt und zu den anderen Menschen bin ich in Resonanz. So kann ich mich komplett einbringen und bekomme, was ich brauche.