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Von äußeren und inneren Panzern – und Salatblättern

 

Kurz vor Weihnachten kam ich von einem Adventskonzert nach Hause und sah, dass bei mir eingebrochen worden war – eine von diesen Überraschungen, auf die ich gut hätte verzichten können. Nun war ich unversehens mit Kripo, Versicherung, Aufräumen und der mentalen Verarbeitung dieser beunruhigenden Erfahrung beschäftigt.

Abgesehen vom materiellen Verlust dessen, was die Einbrecher mitgenommen hatten, war auch etwas zu Bruch gegangen: zum einen ein Stück meines Sicherheitsempfindens – und meine Schildkrötenlampe, an der seit vielen Jahren mein Herz hing. Ich hatte gleich das Bedürfnis, meiner Schildkröte davon zu erzählen, aber über Weihnachten und den Jahreswechsel ließ sie sich nicht blicken.

Erst Mitte Januar kam sie auf einmal wieder in mein Zimmer geschlichen. Ich hatte sie gar nicht kommen hören, und so war ich fast erschrocken, als ihr Kopf meinen Fuß anstieß und sie gleich ohne Begrüßung mit der Tür ins Haus fiel:

„Hm, was ist denn mit der schönen Schildkrötenlampe passiert, die hier immer stand. Magst du keine Schildkröten mehr?“, knurrte sie.

 

Ein schmerzhaftes Gefühl

„Hallo, meine liebe Schildkröte, da bist du ja endlich wieder, ich habe schon seit drei Wochen auf dein Kommen gewartet“, rief ich. „Doch, ich mag dich und alle Schildkröten immer noch sehr gerne. Aber die Lampe ist bei einem Einbruch kaputt gegangen. Die Einbrecher haben sie aus dem Regal gerissen und auf den Boden geworfen – dabei ist sie zerbrochen. Da war auch nichts mehr zu reparieren, deshalb musste ich mich schweren Herzens von ihr verabschieden.“

„Das ist wirklich schade“, nickte die Schildkröte. „Aber ich bin froh, dass die Lampe nicht deswegen fehlt, weil du der Lampe oder überhaupt aller Schildkröten überdrüssig geworden bist. Das fände ich viel trauriger. Oder wenn du früher zurückgekommen wärst und die Einbrecher dich angegriffen hätten. Haben sie denn etwas mitgenommen?“

„Das Seltsame ist“, antwortete ich, „dass es gar nicht so sehr um das geht, was fehlt. Es war ohnehin nicht viel da. Ein bisschen Bargeld, Kleinigkeiten. Aber etwas ist kaputtgegangen, was schwerer zu greifen ist. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, was so ein Einbruch erzeugt. Jemand Fremdes war hier. Hat alles aufgemacht. Schubladen, Schränke, sogar den Kühlschrank. Das hinterlässt ein unsicheres und sehr unbehagliches, ein schmerzhaftes Gefühl.“

„Den Kühlschrank geöffnet?“, fragte die Schildkröte interessiert. „Meinst du, sie hatten Hunger?“

„Nein, ich glaube nicht, denn sie haben auch nichts herausgenommen. Sie haben nur hineingeschaut. Vielleicht haben sie gedacht, ich hätte darin etwas Wertvolles versteckt.“

„Hm“, meinte die Schildkröte, „ich glaube, ich hätte schon etwas Salat mitgenommen. Das finde ich viel wertvoller als Geld und so.“

Ich musste lachen. „Du kannst gerne etwas Salat aus meinem Kühlschrank haben. Draußen im Schnee ist jetzt es bestimmt schwierig, etwas zu fressen zu bekommen.“

„Nun ja“, brummte die Schildkröte nur und tat dabei etwas geheimnisvoll, „ich habe hier in deiner Nachbarschaft und im etwas weiteren Umkreis auch so meine Kontakte, da fällt schon genug ab. Aber deinen Salat nehme ich auch sehr gerne. Zumal ich bei dir immer die tiefgründigeren Gespräche habe. Ich glaube, die anderen Menschen verstehen mich gar nicht, wenn ich mit ihnen spreche.“

„Das ist ja das Schöne an unserer Freundschaft, liebe Schildkröte, dass wir einander verstehen können. Ich weiß noch, wie mir vor vielen Jahren, in einer besonders stressigen Phase meiner beruflichen Entwicklung, eine Postkarte mit der Zeichnung einer Schildkröte in die Hände fiel. Ich hatte die Karte zunächst als Lesezeichen in meinen Kalender gelegt, doch einmal war es, als flüsterte diese gezeichnete Schildkröte mir zu: ‚Nimm dir die Zeit, die du brauchst.‘ Trotz all meiner Geschäftigkeit spürte ich, dass sie recht hatte. Ab diesem Moment begegneten mir Schildkröten überall auf der Welt und schärften meinen Blick für ihre Botschaft. Und deswegen habe ich auch dich von Anfang an verstanden – und du mich."

„Nimm dir die Zeit, die du brauchst …“, nickte die Schildkröte. „Das hätte auch von mir sein können. Ein guter Ratschlag.“

 

Merken, wie verletzlich wir sind

Ich ging in die Küche, holte ihr ein paar Salatblätter und legte sie vor sie hin.

„Danke schön“, sagte sie und biss gleich in eines hinein, kaute bedächtig und ließ sich viel Zeit damit. Als sie fertig war, sah sie mich an und sagte: „Ich weiß schon, dass ihr Menschen an Geld und manchen Sachen hängt. Es bedeutet euch viel. Aber für mich bedeutet es nichts, und wenn ihr mal in Ruhe darüber nachdenkt, bedeutet es für euch eigentlich auch nichts. Es verstellt den Blick auf das wirklich Wichtige.“

„Was meinst du damit?“, hakte ich nach. „Salatblätter“, murmelte sie, und kicherte leise. „Und natürlich solche Gespräche, wie wir gerade eines führen. Den Sonnenschein genießen – oder die Schneekristalle, die es jetzt wieder mal gibt, auf der Zunge zu spüren. Sich als Schildkröte oder als Mensch zu fühlen und zugleich als Teil dieser Welt, von allem, was es gibt …“

Es war ganz ruhig im Raum, und die Schildkröte stand da wie angewachsen und rührte sich nicht. Dann fragte sie: „Wie hast du das vorher genau gemeint? Das mit dem unsicheren und unbehaglichen Gefühl?“

Ich schwieg einen Moment und dachte nach. Dann sagte ich: „Nun ja, es fühlt sich einfach nicht schön an, dass Fremde gegen meinen Willen im Hause gewesen sind. Theoretisch wissen wir alle, dass so etwas passieren kann, aber wir verdrängen das. Und wenn es passiert, verstehen wir erst wirklich, dass wir uns zu Hause immer in einer Sicherheit wiegen, die jederzeit angreifbar ist. Wir merken, wie verletzlich wir sind.“

Ich seufzte und fuhr fort: „Seitdem denke ich viel darüber nach, wie ich mehr Sicherheit schaffen könnte. Kameras. Bessere Schlösser. Alarmanlagen.“

Die Schildkröte betrachtete mich eine Zeit lang, als wäre ich ein UFO. Dann schüttelte sie den Kopf und sagte: „Dass es sich nicht schön anfühlt, und das mit der Verletzlichkeit, das verstehe ich gut. Aber ihr Menschen seid wirklich erstaunlich. Ihr glaubt, wenn ihr genug Vorkehrungen trefft, passiert euch nichts mehr. Ich bezweifle, dass das funktioniert. Irgendetwas kann immer passieren. “

„Du hast gut reden“, entgegnete ich. „Du hast deinen Panzer immer dabei.“

 

Ein Bestandteil des Lebens

„Ja, das stimmt“, sagte sie. „Aber mein Panzer ist nicht dafür da, die Kontrolle über alles, was passieren kann, zu bekommen.“

„Wozu dann?“, fragte ich erstaunt.

„Um zur Ruhe zu kommen“, antwortete sie. „Wenn es zu viel wird, gehe ich hinein. Und wenn es wieder passt, komme ich wieder heraus.“

„Und wenn dir dann draußen etwas passiert?“, gab ich zu bedenken.

„Dann passiert es“, sagte sie. „Das gehört zum Leben.“

Ich runzelte die Stirn. „Aber du bist doch verletzlich, wenn du draußen bist.“

„Natürlich“, nickte sie. „Und wenn ich immer drin bliebe, würde ich verhungern.“

Sie sah mich an, als wäre das ein völlig ausreichendes Argument.

„Ihr Menschen“, fuhr sie fort, „scheint zu glauben, Verletzlichkeit wäre ein Fehler, eine Ausnahme. Dabei ist sie ein normaler Bestandteil des Lebens.“

Ich atmete tief ein. „Ja, aber weißt du, der Einbruch hat sich angefühlt wie eine sehr schmerzhafte Verletzung. Ich war nur ein paar Stunden weg. Und in dieser Zeit ist etwas passiert. Das hat wirklich weh getan.“

„Ja“, sagte sie leise. „Weil jemand deinen Panzer durchbrochen hat. Das wäre bei mir auch schlimm. Wenn jemand meinen Panzer anstößt, tut das nicht nur außen weh. Aber es kann passieren. Und jetzt ist es Teil deiner Geschichte.“

„Ich hätte lieber darauf verzichtet,“ merkte ich an.

„Das verstehe ich“, meinte sie sanft. „Und es gibt eben nicht nur die angenehmen Teile …“

„Ein Zuhause“, sagte ich langsam, „ist für uns Menschen mehr als ein Ort. Es ist ein Gefühl von Sicherheit.“

„Ja“, nickte sie. „Und das sitzt nicht in den Wänden.“

„Wo dann?“, fragte ich.

„In euch“, sagte sie. „Oder eben nicht.“

 

Erfahrung anerkennen

„Und was würdest du jetzt also an meiner Stelle tun?“, hakte ich nach.

Die Schildkröte überlegte. „Ihr wollt immer etwas tun. Ihr glaubt, wenn ihr genug vorbereitet, wird die Zukunft berechenbar.“

„Und ihr?“, fragte ich.

„Wir wissen“, sagte sie ruhig, „dass sie das nicht ist. Ich würde mich in meinen Panzer zurückziehen. Nicht um mich zu verstecken. Sondern um zu spüren, dass ich noch ganz bin. Das, was passiert ist, als einen Teil von mir annehmen. Nicht versuchen, es ungeschehen zu machen. Und auch nicht, es wegzusperren. Sondern als Erfahrung anzuerkennen, die mich nicht zerstört hat.“

Ich staunte einmal mehr über die Weisheit meiner Schildkröte. „Du klingt nach dem, was wir Psychologen Integrieren nennen. Das bedeutet, dass man schwierige, widersprüchliche oder verletzende Gefühle und Erlebnisse zusammennimmt und lernt, sie als Teil von sich zu akzeptieren. Meinst du es so?“

„Das klingt etwas komplizierter als meine Version“, meinte die Schildkröte und zwinkerte mir zu. „Aber ich denke, es meint Ähnliches. Wie gesagt: Nimm dir dafür die Zeit, die du brauchst.“

„Und dann?“, fragte ich gespannt. „Was würde du machen, wenn du dir dafür Zeit genommen hast?“

„Dann würde ich wieder rausgehen“, sagte sie. „Weil das Leben draußen stattfindet. Ich glaube, ich würde wieder rausgehen und … Salatblätter fressen.“ Bei diesen Worten biss sie noch einmal herzhaft in eines der Blätter, die ich vor sie hingelegt hatte.

Ich musste lachen. „Du meinst also“, fragte ich nach, „dass ich mich gar nicht absichern kann?“

„Doch“, sagte sie. „Von innen. Da habt ihr Menschen auch so einen Panzer, wie wir Schildkröten außen. Nur ist der beweglich. Und wächst mit dem, was ihr erlebt. Mehr Sicherheit als die, die du in dir fühlst, können dir keine Kameras, Schlösser oder Alarmanlagen geben.“

Ich nickte langsam.

„Weißt du“, legte die Schildkröte noch nach. „Ihr Menschen wollt oft verhindern, dass euch etwas passiert. Wir Tiere wissen, dass immer etwas passiert.“

Sie sah mich an. „Der Unterschied ist, was ihr daraus macht.“

Ich schwieg einen Moment, einmal mehr beeindruckt von meiner Schildkröte.

 

Erfahrungen sind schwer zu stehlen

„Schade um die Lampe“, wechselte die Schildkröte unvermittelt das Thema. „Jetzt, wo du die nicht mehr hast, werde ich wohl selbst etwas häufiger kommen.“

„Das würde mich sehr freuen, liebe Schildkröte. Du willst mir also nun öfter Gesellschaft leisten?“

„Ja, das ist das eine“, kicherte sie wieder. „Aber ich habe auch Lust, öfter deine Salatblätter zu genießen. Die sind wirklich exzellent.“

Mit diesen Worten ergriff sie mit ihrem Maul den kleinen Salatvorrat, der noch vor ihr lag, drehte sich langsam um und schlich zur Tür.   

„Meinst du, ich muss Angst haben, dass die Einbrecher wiederkommen?“, rief ich ihr noch nach.

„Das kann passieren“ sagte sie, schon fast an der Tür und etwas schwer zu verstehen, weil sie ja die Salatblätter im Maul hatte.

Doch ich konnte sie so gerade noch verstehen, als sie weitersprach: „Aber Angst davor zu haben, bringt dir nichts. Außerdem glaube ich es nicht. Die wissen ja jetzt: Es gibt hier nicht so viel zu holen. Außer Erfahrungen.“

Sie verschwand durch die Tür, und ich musste mich jetzt noch mehr anstrengen, ihre letzten Worte zu verstehen: „Und die“, murmelte sie, „sind schwer zu stehlen.“

Als sie gegangen war, blieb ich noch eine Weile sitzen. Dann stand ich auf, schaute in den Kühlschrank und beschloss, am nächsten Tag Salat nachzukaufen. Und ich berührte kurz die leere Stelle im Regal, auf dem die Schildkrötenlampe gestanden hatte. Plötzlich hatte ich das Gefühl, mich in mir wieder etwas sicherer zu fühlen.