Von verlorenen Stunden und gefundenen Momenten
Kurz nach Ostern saß ich an meinem Schreibtisch und war in meine Arbeit versunken, als mich plötzlich ein Stups an meinen Fuß aus der Konzentration herausholte. Ich blickte herunter und sah meine Schildkröte, die sich lautlos hereingeschlichen hatte und mich nun regungslos musterte.
„Sonst warst du die letzten Male noch beim Frühstück“, brummte sie. „Ich hatte Lust auf ein paar von deinen saftigen Salatblättern. Weil du nicht in der Küche warst, bin ich dich suchen gegangen. Warum bist du schon so früh aktiv?“
Ich seufzte. „Ich bringe dir gleich ein paar Blätter, liebe Schildkröte. Tut mir leid, dass du mich nicht angetroffen hast. Dass ich schon früher auf bin, liegt an der Zeitumstellung. Am Wochenende wurde auf Sommerzeit umgestellt.“
„Sommerzeit?“, fragte sie langsam, als käme ich von einem anderen Stern. „War vorher Winter?“
„Nein“, sagte ich und lächelte. „Also doch – aber nicht so, wie du das meinst. Wir haben einfach die Uhr eine Stunde vorgestellt.“
Die Schildkröte blinzelte noch etwas misstrauischer und sprach ganz langsam: „Ihr habt … die Zeit …vorgestellt?“
„Na ja“, sagte ich, „eigentlich nur die Uhr, damit es im Sommer eine Stunde länger hell ist und wir noch lange draußen sitzen können. Aber dadurch fehlt uns eine Stunde. Die ist sozusagen weg.“
Die Schildkröte schwieg einen Moment und schien intensiv nachzudenken. Ich nutzte die Gelegenheit, um aus der Küche ein paar Salatblätter zu holen.
Ein Paradies mit Schildkröten
Als ich zurück war, gab ich ihr die Blätter, und sie kaute so bedächtig wie genussvoll. Dann schüttelte sie langsam den Kopf.
„Ihr Menschen seid wirklich erstaunlich. Erst erfindet ihr das, was ihr Zeit nennt, und dann bringt ihr sie durcheinander – und auf einmal habt ihr sie verloren?“
Ich musste lachen. „So kann man das natürlich auch sehen. Ja, im Moment haben wir eine Stunde verloren.“
„Ich habe noch nie eine Stunde verloren“, murmelte die Schildkröte. „Weil ich gar keine Zeit rechne. Ich schlafe, wenn ich müde bin. Ich bin wach, wenn ich wach bin. Und ich fresse, wenn ich Hunger habe.“
„Das klingt entspannt“, sagte ich.
„Ist es auch“, erwiderte sie trocken. „Ihr macht aus einfachen Dingen oft erstaunlich komplizierte.“
Ich nickte und lehnte mich ein wenig zurück, denn jetzt war ich es, die nachdenken musste.
„Es stimmt schon, liebe Schildkröte, wir Menschen machen es oft komplizierter, als es sein müsste. Um so etwas ging es auch in dem Blog, den ich im März geschrieben habe. Da ging es um das Paradies – sogar um ein Paradies mit Schildkröten.“
„Paradies?“ Die Schildkröte schaute mich ratlos an. „Was ist das?“
Ich überlegte kurz. „Ein Paradies ist ein Ort, an dem alles gut ist. Schön, leicht, vollkommen. So zumindest stellen wir Menschen uns das vor.“
Die Schildkröte schüttelte den Kopf. „Und was hat so ein Ort, an dem es für euch vollkommen ist, mit uns Schildkröten zu tun?“
Sorgsamer mit der Welt umgehen
„Ich war zu Besuch auf der Insel Curieuse in den Seychellen, und dort leben etwa 250 Riesenschildkröten. Die sind vier- bis sechsmal so lang wie du und hundert- bis zweihundertmal so schwer.“
Die Schildkröte stand da sprach- und regungslos. Die Größe dieser Tiere schien sie sehr zu beeindrucken.
„Wir Menschen“, fuhr ich fort, „können ihnen dort ganz nahe kommen und sie sogar füttern und streicheln.“
„Hm“, brummte die Schildkröte, „das klingt eher nach einem Paradies für euch Menschen als für die Schildkröten. Ich glaube, ich möchte nicht von fremden Menschen verfolgt und gestreichelt werden … wobei …“ Sie zögerte einen Moment. „… über das Gefüttert-Werden ließe sich vielleicht noch reden …“
Ich musste lächeln. „Ja, das kann ich mir vorstellen. Aber die Schildkröten können uns auch aus dem Weg gehen. Viele sind sogar neugierig. Wahrscheinlich auch auf das Futter – wie du ja anscheinend auch ….“ Schien es mir nur so, oder zwinkerte sie mir in dem Moment tatsächlich zu?
Ich erzählte weiter: „Überhaupt haben Naturschützer auf der Insel ein besonderes Projekt für den Erhalt der Schildkröten ins Leben gerufen. Hier kann man viel über die Bedeutung des Artenschutzes lernen. Und nicht nur Landschildkröten nennen Curieuse ihr Zuhause. Zwischen Oktober und Februar legen hier Karettschildkröten ihre Eier ab. Die Insel ist einer der wichtigsten Ablageplätze der vom Aussterben bedrohten Meeresschildkröten.“
Die Schildkröte musterte mich nun fast etwas streng. „Naturschutz, Artenschutz … Das ist ja alles gut und schön. Aber mir scheint: Wenn ihr Menschen sorgsamer mit der Welt umgehen würdet, müsstet ihr sie weniger schützen.“
Das Schöne und das Unangenehme
Einen Moment war es still im Raum. Dann sagte die Schildkröte: „Du hast über das Paradies gesagt, dass es etwas ist, was ihr euch vorstellt. So wie mit der Zeit?“
Ich sah sie verblüfft an. „Wie meinst du das?“
„Na ja“, sagte sie, „erst überlegt ihr euch, wie die Stunden besser liegen könnten – und dann verschiebt ihr sie.“
Ich musste lachen. „Ja, so kann man das sehen.“
„Und beim Paradies“, fuhr sie fort, „überlegt ihr euch offenbar, wie sich ein Moment anfühlen sollte.“
Ich nickte langsam. „Ja … das tun wir wohl.“
„Und wenn es sich anders anfühlt?“
Ich atmete leise aus. „Dann stimmt es für uns nicht mehr.“
Die Schildkröte legte den Kopf schief.
„Ihr nehmt etwas, das gerade ist – und macht erst einmal eine Vorstellung daraus. Und dann schaut ihr, ob es passt.“
Ich hörte schweigend zu.
„Und wenn es nicht passt“, fügte sie hinzu, „fangt ihr an, daran herumzuschieben?“
Ich musste lächeln. „Ja. Manchmal ja.“
„So wie mit der Stunde.“
Ich nickte.
„Und so wie mit deinem Paradies?“
Ich sah sie an – und verstand, dass sie jetzt mehr darüber hören wollte. „Ich hatte mich sehr darauf gefreut, deine riesigen Verwandten zu sehen“, begann ich.
„Eigentlich?“, fragte sie.
Ich lächelte schief. „Ja. Der Ort war wunderschön. Wirklich paradiesisch. Türkises Wasser, Palmen, alles, was man sich so vorstellt …“
„Aber?“
„Ich habe mich überhaupt nicht paradiesisch gefühlt. Ich hatte unendlich viele Mückenstiche, es hat gejuckt, ich war erschöpft – und irgendwie war alles gleichzeitig da: das Schöne und das sehr Unangenehme.“
Die Vorstellung, wie es besser sein sollte
Die Schildkröte kaute nachdenklich.
„Ihr Menschen habt ein Bild davon, wie etwas sein soll – und wenn es anders ist, dann stimmt es für euch nicht mehr.“
Ich nickte. „Ja. Ich habe gedacht: Wenn ich schon im Paradies bin, dann muss ich mich auch gut fühlen.“
„Und wenn du es nicht tust, ist es kein Paradies mehr?“
„So ungefähr.“
Die Schildkröte schwieg kurz.
„Ich glaube, ihr macht das mit der Zeit genauso wie mit eurem Paradies“, sagte sie dann.
Ich runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“
„Ihr nehmt etwas, das eigentlich einfach ist, und macht eine Vorstellung daraus, wie es besser sein sollte. Bei der Zeit denkt ihr: Es wäre schöner, wenn es abends länger hell wäre – also verschiebt ihr die Uhr.“
Ich nickte.
„Und beim Paradies denkt ihr: Es wäre schöner, wenn sich alles gut anfühlt – also stellt ihr euch einen Zustand vor, in dem alles angenehm ist.“
Ich beugte mich gespannt vor: „Ja?“
„Und dann fangt ihr an, daran herumzuschieben“, fuhr sie fort. „Damit es zu eurer Vorstellung passt.“ Sie machte eine kleine Pause. „Und während ihr noch schiebt, passt ihr vielleicht gar nicht mehr richtig auf, was gerade ist.“
Ich sagte nichts, zu sehr war ich damit beschäftigt, den Worten der Schildkröte nachzuspüren.
Schauen, was da ist – und dann damit leben
Sie betrachtete mich ruhig.
„Für mich“, sagte sie, „gibt es keine Sommerzeit. Und auch kein Paradies.“ Sie biss in ein weiteres Blatt. „Manchmal ist es angenehm. Manchmal nicht. Manchmal gibt es viel zu fressen. Manchmal wenig. Manchmal ist es warm. Manchmal kalt.“
Sie sah mich an. „Aber ich wäre noch nie auf die Idee gekommen, dass es nur dann gut ist, wenn es nur angenehm ist.“
Ich dachte an das türkise Wasser – und das Jucken gleichzeitig. „Wir Menschen sind in Gedanken oft woanders“, sagte ich leise. „In der Vergangenheit. Oder in der Zukunft.“
„Oder in einem Paradies“, ergänzte sie. „Und weißt du, wo ihr dann nicht seid?“
Ich überlegte. „Nicht richtig hier?“
Die Schildkröte nickte. „Das erklärt vielleicht, warum ihr so viel verändert. Die Zeit. Die Umstände. Euch selbst.“ Sie machte eine kleine Pause. „Ihr versucht, es passend zu machen.“
Ich sah sie nachdenklich an.
„Ich glaube“, sagte sie schließlich, „ich würde schauen, was da ist. Und dann damit leben.“
Ich lächelte. „Das klingt einfach.“
„Ist es auch“, sagte sie ruhig.
Eigentlich überall
„In dem Moment“, sagte ich nach einer Weile, „als ich aufgehört habe, gegen die Mückenstiche anzukämpfen, hat sich etwas verändert.“
Die Schildkröte sah mich gespannt an.
„Nicht die Stiche. Die waren noch da. Aber es war nicht mehr nur schlecht. Es war irgendwie … weiter. Größer.“
„Das klingt für mich eher nach einem echten Paradies als nach eurer Vorstellung davon“, sagte sie und machte sich langsam auf den Weg zur Tür. „Ich gehe jetzt ein bisschen in mein Paradies.“
„Und wo ist das?“, rief ich ihr nach.
Sie drehte den Kopf ein kleines Stück.
„Hier“, sagte sie. „Und da draußen. Und eigentlich überall.“
Dann schob sie sich gemächlich durch die Tür hinaus.
Ich blieb noch eine Weile sitzen und sah auf die Uhr. Dann stand ich auf, öffnete das Fenster weiter und ließ die milde Luft herein. Irgendwo raschelte es im Gras.
Vielleicht, dachte ich, fehlt mir gar keine Stunde. Vielleicht habe ich sie nur nicht bemerkt. Vielleicht war ich einfach nicht ganz da.

